Tag 2: Plötzlich das Alphabet vergessen

 —   Sahara, Blick aus dem Flugzeugfenster

—   Sahara, Blick aus dem Flugzeugfenster


Was für ein Höllenflug! Die Maschine ist riesig. kinshasaIch sehe schwarze Frauen in bunten Gewändern, vereinzelt Touristen und mehrere Pharmalobbyisten, die allesamt die T-Shirts ihres Konzerns tragen. Mehrmals geraten wir mitten in eine Gewitterwolke, es blitzt von allen Seiten und wir werden heftig durcheinandergeschüttelt. Ich verbringe den Flug mit einem Intensivkurs in Lingála, von dem jedoch nur wenig hängen bleibt.

Wenn man von Lucien eines lernen kann, dann ist es Hartnäckigkeit. Woauchimmer sich Hindernisse und Schranken auftun – Lucien wird mit den Verantwortlichen bis aufs Messer diskutieren, bis sie schlussendlich nachgeben und er seinen Willen durchsetzt. Auf Reisen ist diese Fähigkeit Gold wert. Das Gepäckfräulein überzeugt er, die viel zu schweren Koffer anzunehmen, und der Stewardess leiert er ein zweites Mittagessen aus dem Kreuz. Wenn wir doch nach über zehn Stunden Flug übermüdet, klebrig und verschwitzt am Flughafen in Kinshasa ankommen und feststellen, dass unser Gepäck noch irgendwo in Brüssel rumsteht und frühestens Freitag oder Samstag in Kinshasa eintrifft, dann hilft auch maximale Unnachgiebigkeit nicht weiter. Wir fügen uns unserem Schicksal, füllen brav die Ich-vermisse-all-mein-Hab-und-Gut-Formulare aus und trotten von dannen.

Mit seiner Nichte Sarah brausen wir quer durch Kinshasa. Vor der Reise konnte ich mir partout nicht vorstellen, wie diese Stadt wohl aussehen könnte. Mein erster Gedanke war jedoch: Hey, wir sind auf einem Festival! Die Straßen sind unbefestigt, holprig und schlammig, überall stehen kleine, bunt bemalte Hütten herum, und die Leute an den Straßenrändern tanzen. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir bei Luciens Schwester Blandine an. Da es in Kinshasa nicht genügend Strom für alle gibt, wird den Vierteln reihum der Saft abgedreht. Gerade ist auch das Viertel unserer Gastgeberin betroffen. Im Stockdunkeln werden wir von Blandine und ihren Kindern umzingelt, mir werden von überall her Blumensträuße als Begrüßungsgeschenke gereicht. Ich bin völlig perplex, weiß nicht, was ich tun oder sagen soll, würde am liebsten vor Scham im Boden versinken. Wir gehen ins Esszimmer, und mir wird der Ehrenplatz am Tischende zugewiesen. Alle reden in einer unbekümmerten Mischung aus Französisch und Lingála durcheinander, und ich verstehe weder das eine noch das andere. Lucien spielt tapfer den Dolmetscher für mich, nichtsdestotrotz sitze ich einfach nur wie ein Idiot da und habe plötzlich das Alphabet vergessen. Ich kriege keinen zusammenhängenden Satz zustande und schäme mich dafür, dass ich mich nicht besser vorbereitet habe. Ich fange an zu glühen, teils wegen der unerträglichen Hitze, teils wegen meinem völligen Unvermögen, mich meiner Außenwelt mitzuteilen. Es gibt gebratenen Fisch mit Fufu, es schmeckt fantastisch, der Tisch ist mit Blumengedecken überhäuft, und ich sitze einfach nur da und es hat mir die Sprache verschlagen. Ich kapituliere.