Tag 6: Schwule, Crimpzangen, Obama

kinshasaEndlich ist unser Gepäck angekommen! In der Zwischenzeit habe ich so viel erlebt, dass es mir schier unmöglich vorkommt, all die Eindrücke halbwegs geordnet wiederzugeben. Allein das Stadtbild! Tatsächlich wirkt Kinshasa oft wie ein riesiges Festival, allerdings am Abreisetag. Überall wuseln Menschen umher und brüllen unverständliches Zeug, die Straßen sind vollgestopft mit ausrangierten VW-Bussen und es liegt massenweise Müll herum. Fast jedes Auto ist mit Beulen und Schrammen übersät, häufig sind die kaputten Fenster durch Plastikfolie ersetzt. Die meisten Geschäfte sind in kleinen Betonhütten untergebracht und ausnahmslos handbemalt. Die häufigsten Motive: die Logos westlicher Industriemarken, religiöse Symbole[1] und das Konterfei von Obama. Die Kongolesen lieben den US-amerikanischen Präsidenten über alles. Selbst beim Obsthändler kriegen wir die Bananen in eine Tüte mit der Aufschrift „Barack Obama – The first black president of USA!!!“ gepackt.

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—   Kinshasa, notdürftig aus dem Auto heraus fotografiert

Kinshasa in einem Satz: Selbst die profansten Kleinigkeiten können sich zu einem verwegenen Abenteuer mit ungewissem Ausgang entwickeln. Den heutigen Tag haben wir beispielsweise ausschließlich mit dem Versuch zugebracht, eine handelsübliche Zange zu besorgen, die für die Installation der Solarmodule brauchen. Wir stehen um acht Uhr morgens auf und brausen mit zwei ortskundigen Fahrern aus einem katholischen Kloster in einem Pickup-Truck quer durch die Stadt zum grand marché. Ohne einen Geländewagen ist das Vorankommen in der Stadt nur schwer möglich, denn die Straßen sind unbefestigt und voller Löcher. Die einzige Ausnahme ist eine große Autobahn mitten durch die Innenstadt, die im Auftrag des Staates von chinesischen Straßenbauern errichtet wurde. Auf dem Weg zum Großen Markt wird viel gewartet, gehupt und gebrüllt. Endlich angekommen, stolpern wir quer über den Markt, bis wir nach langem Suchen in einen Bereich kommen, in der hauptsächlich Schraubenzieher, Kabel und ähnliches feilgeboten werden. Unser Fahrer beschreibt präzise, welche Art von Zange benötigt wird, eine sogenannte Crimpzange, mit deren Hilfe zwei abisolierte Kabelenden miteinander verknüpft werden können. Der Händler nickt eifrig, verschwindet kurz und kommt dann mit einem Satz Gardinenclips zurück. Es kommt zu einem Streit, die beiden gestikulieren wild und brüllen sich an. Wir ziehen weiter, durchkämmen erfolglos die übrigen Geschäfte und treten irgendwann unverrichteter Dinge unseren Heimweg an. Beim Auto angekommen, stellen wir fest, dass der Wagen im Parkverbot stand und um ein Haar abgeschleppt worden wäre, hätte unser Aufpasser die Polizei nicht mit zehn US-Dollar geschmiert. Enttäuscht fahren wir nach Hause. Unterwegs nehmen wir per Anhalter einen uniformierten Polizisten mit. Da im Wagen kein Platz mehr ist, hält er sich am Wagenäußeren fest, und so brausen wir quer über die Autobahn. Ich stelle mir vor, diese Szene würde sich in Greifswald abspielen und muss grinsen.

—   Irgendwann haben wir dann doch noch eine bekommen

Meine Gastfamilie, das sind Blandine (eine herzensgute und stets um mein Wohl besorgte Mutti), die vierzehnjährigen Zwillinge Benedicte und Vanessa, Olivier (auch er geht zur Schule) und zwei Sarahs, von denen die eine ebenfalls noch zur Schule geht und die andere in Kinshasa Biologie studiert. Ich komme mit der Familie gut zurecht, insbesondere mit den Zwillingen unterhalte ich mich oft und lasse mir von ihnen mein Kauderwelsch-Französisch aufbessern. Die Kinder sind furchtbar neugierig; mehrmals am Tag müssen Lucien oder ich antreten und irgendetwas erklären: osmotische Prozesse, das WG-Leben in Greifswald, Microsoft Word, Grenzwertberechnungen und das freudsche Unterbewusstsein. Ich bin stolz darauf, was ich mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen alles bewerkstelligen kann. Auch mein Lingála verbessert von Tag zu Tag. Es ist eine blumige und klangvolle Sprache, in der sich vermutlich wunderschöne Liebesbriefe verfassen ließen. Der Klang mutet zuweilen ein wenig japanisch an, und die Grammatik erinnert mich an Ivrit. Es gibt beispielsweise relativ wenige Wortstämme, die dann über Präfixe und Suffixe in ihrer Bedeutung abgewandelt werden können. Auch Figura Etymologica (z.B. Leiden leiden, Essen essen usw.) sind weit verbreitet.

  —   Eimerdusche

—   Eimerdusche

Wir wohnen in einem größeren Einfamilienhaus, etwa von der Art, wie man sie in Südeuropa vorfindet[2]. Lucien und ich haben ein Zimmer ganz für uns, sogar mit eigener Badewanne. Es gibt allerdings kein fließendes Wasser. Zum Duschen schöpfe ich deswegen Wasser mit einer Tasse aus einem Eimer und übergieße mich so oft, bis ich wieder sauber bin. Das funktioniert fantastisch, hält aber nur kurz an. Meistens habe ich schon wenige Minuten nach der Waschprozedur das Gefühl, dringend duschen zu müssen. Nun ja: Ein Mann muss auch mal nach Mann riechen dürfen. Das tu ich hier zu Genüge.

Am Abendbrottisch gibt es eine hitzige Diskussion. Wir erzählen, dass es an den Stränden in Deutschland abgegrenzte Gebiete gebe, in denen Nacktbaden erlaubt sei. Die Kinder schütteln mit dem Kopf. Frauen und Männer, nackt, zusammen am Strand? So etwas kann es nicht geben! Im Kongo wäre schon eine Frau im Bikini ein Skandal, FKK-Strände sind hingegen unvorstellbar. Irgendwann kommen wir zufällig auf Homosexualität zu sprechen, und von diesem Punkt an ist die Hölle los. Lucien erzählt, dass eine Freundin von ihm lesbisch ist, und die ganze Familie schaut ihn entgeistert an. Eine Frau, die mit einer anderen Frau zusammen ist? Wie nennt man das dann überhaupt? Ein Paar? Aber das ist doch kein Paar, ein Paar besteht doch immer aus Frau und Mann! Gott will doch, dass Mann und Frau heiraten und Kinder kriegen! Die Familie ist sich einig, dass Homosexuelle krank sind und bestraft gehören. Ich sei doch Psychologe, meint Sarah – könne ich die Schwulen nicht irgendwie von ihrer Krankheit heilen? Lucien bleibt tapfer und versucht es mit Argumenten – etwa fünf Prozent aller Menschen seien homosexuell (die Kinder schreien auf und hauen auf den Tisch), Homosexualität ist vermutlich genetisch bedingt und keine Frage der Erziehung (energisches Kopfschütteln), wir müssen tolerant sein gegenüber anderen Lebensweisen („Toleranz schön und gut, aber es muss Grenzen geben!“). Alle sind sich einig: Erwachsene sind doch Vorbilder für die kommende Generation. Wenn wir in Deutschland also die Homo-Ehe einführen würden, würden die Homosexuellen immer mehr werden, bis wir irgendwann vollends aussterben würden. Als Vanessa von Lucien gefragt wird, was sie machen würde, wenn ihre Tochter homosexuell sei,  schreit sie: „jamais! jamais!“, niemals würde das passieren! Lucien erzählt, dass in Uganda gerade die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen eingeführt wurde, und die Kinder johlen: Ja genau, so sollte man das machen! Ihr Europäer seid doch alle krank im Kopf, meint Olivier.

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—   Hausaltar, geschmückt mit Glitzergirlanden


 

Religion spielt im Kongo eine große Rolle. Meine Gastfamilie ist streng katholisch, vor jedem Essen wird gebetet. Von den Kindern wurde ich auch gleich darauf angesprochen, warum ich mich vor den Mahlzeiten nicht bekreuzige. Auf die Frage, ob ich auch katholisch sei, antwortet Lucien schnell an meiner statt „un peu“ – ein bisschen. Nicht, dass es zu Anfeindungen führen würde, wenn ich erzählen würde, dass ich nicht an Gott glaube – es würde einfach niemand verstehen, was ich damit meine. Auch der Glaube an Geister, an Magie und Hexerei ist weit verbreitet. Wenn ein Vater seine Tochter vergewaltigt, heißt es, er sei von Dämonen verzaubert worden, erzählt Lucien. Und wenn sich bei der Geburt Komplikationen ergeben, muss die werdende Mutter sämtliche Männer aufzählen, mit denen sie jemals geschlafen hat, erst dann kann sie ihr Kind zur Welt bringen. Wenn sie bei der Geburt stirbt, hat sie wohl nicht die volle Wahrheit erzählt. Lucien zieht seine Schwester Blandine häufig mit ihrem animistischen Glauben auf – „Iss nicht so viel Scharfes, sonst bekommst du eine Magenverstimmung und sagst, dass du verzaubert wurdest!“

Kinshasa ist voll mit Freikirchen. Von frühmorgens bis spät in die Nacht dringen von allen Seiten die Stimmen der Prediger und die Gesänge der Gläubigen in unsere Ohren. Lucien erzählt, ein Großteil Glaubensgemeinschaften seien üble Sekten mit dem einzigen Ziel, ihren Anhängern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wer den Kirchen eine entsprechende Summe hinterlässt, wird von seinen Sünden freigesprochen. Die an sich schon bettelarmen Kongolesen würden ihr letztes Geld zu den Predigern schaffen und hätten dann nicht mehr genügend Geld, sich und ihren Familien Essen zu kaufen, während die Prediger immer reicher und reicher werden würden. Nachts werde ich oft von den mit Keyboardklängen unterlegten Gesängen und den stimmgewaltigen Predigten aus dem Schlaf gerissen und liege dann lang wach und lausche.

 


[1] überhaupt muss der liebe Gott oft als Namensgeber für die Geschäfte herhalten. „Die Gnade Jesu“, oder „Die Hand Gottes“ sind hier völlig normale Bezeichnungen für einen Herrenfriseur oder ein Internetcafé.

[2] Eher unüblich für Kinshasa. Es handelte sich um ein Geschenk der amerikanischen Firma, für die der Mann von Luciens Schwester arbeitete.