Tag 11: Etwas Westliches. Irgendetwas.

kinshasaIm Krankenhaus besuchen wir einen Ordensbruder, der an Lungenkrebs erkrankt ist. Er sieht völlig abgemagert aus. Bei einer Operation hatte er sich eine Infektion zugezogen und wird vermutlich bald sterben, was alle außer ihm selbst zu wissen scheinen. Der Zustand des Krankenhauses ist unbeschreiblich: Das Gebäude ist heruntergekommen, einmal sehe ich sogar eine Operation, die gibt einer spanischen Wand im Freien stattfindet. Spender für Desinfektionsmittel gab es nirgendwo. Die Behandlung ist selbstverständlich kostenpflichtig, wobei auch hier das kongolesische Prinzip la motivation gilt – für Serviceleistungen der Pfleger, z.B. das Verlegen einer Flexüle, muss direkt bezahlt werden. Eine Krankenhausküche existiert nicht, die Patienten sind angehalten, sich ihr Essen selbst mitzubringen. Das Zimmer des Ordensbruders ist mit Saftpackungen und Mandarinen vollgestellt. Und auch um die Medizin muss er sich selbst kümmern: von den Ärzten bekam er eine Liste mit den zur Chemotherapie benötigten Medikamenten überreicht, für die Beschaffung ist der Patient selbst zuständig. Wir fragen den Ordensbruder, ob wir irgendetwas für ihn tun können. Hähnchen, meint er. Er würde so gern Hähnchen essen.

Danach waren im Ministerium und haben versucht, einen Termin mit dem Minister zu vereinbaren, um unsere Genehmigung für das Fischereiprojekt verlängern zu lassen. Der ist jedoch bis nächsten Dienstag auf einer wichtigen Dienstreise ist, wir hängen also auf unbestimmte Zeit in Kinshasa fest. Anschließend ging es wieder ins Kloster, wo wir weiter an der Installation der Solaranlage arbeiteten. Auf dem Dachboden verlegen wir die Leitungen für das Kloster, wobei ich der brütenden Hitze, die unter dem Wellblechdach herrscht, tapfer trotze. Eine denkbar schlechte Geschäftsidee: Sauna-Monteur in Kinshasa.

  —   Stromausfall, mal wieder. Meine Gastmutter Blandine kocht direkt über dem Feuer

—   Stromausfall, mal wieder. Meine Gastmutter Blandine kocht direkt über dem Feuer

Es gibt seit vier Tagen keinen Strom mehr, seit zwei Tagen kein Wasser[1]. Zu jeder noch so unchristlichen Tageszeit schallen die zornigen Predigten der umliegenden Sekten durch die Straßen (selbstverständlich mikrofonverstärkt, ausgerechnet die haben anscheinend immer Strom). Die Prediger hören sich allesamt so an wie Jules in Pulp Fiction, wenn er den Todgeweihten sein vermeintliches Bibelzitat um die Ohren knallt. Und das mehrere Stunden am Stück. Nichtsdestotrotz fühle ich mich gerade ziemlich wohl in Kinshasa, auch wenn ich von Zeit zu Zeit eine starke Sehnsucht nach „irgendwas Westlichem“ empfinde. Die gestrige Flasche Coca-Cola war für mich jedenfalls eine willkommene Abwechslung zu abgekochtem Wasser und zum Zitronengrastee.

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—   Beim Maniokstampfen

Kriege ich hier eigentlich genügend zu essen? Nachdem ich Blandine im Scherz erzählt habe, dass meine Freundin befürchtet, mich nach meiner Kongoreise völlig abgemagert zu empfangen, hat sie es sich zur persönlichen Pflicht gemacht, mich dem kongolesischen Schönheitsideal entsprechend zu mästen. Das Essen ist für europäische Verhältnisse etwas einseitig, dafür aber ausgesprochen köstlich. Jeden Tag gibt Fisch oder Hähnchen, dazu makemba (frittierte Kochbananen), misili (schmeckt ein wenig nach Schwarzwurz) oder bitekuteku (völlig unidentifizierbar). Aus den Blättern der Maniokpflanze wird pondu, ein spinatähnliches Gemüse, gewonnen; die Knollen werden zu wuchtigen Klößen namens fufu verarbeitet – oder, wenn man weniger Glück hat, zu kuanga. Letzteres erinnert ein wenig an einen überdimensionierten Radiergummi und lässt sich geschmacklich mit der von Roald Dahl beschriebenen Kotzgurke vergleichen. Dass Kongolesen ständig Stockfisch essen, halte ich indes für eine Legende.

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—   pondu, ein spinatähnliches Gemüse aus gestampften Maniokblättern

 

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—   fufu, Knödel aus Maisstärke und dem Mehl der Maniokwurzel

 


[1] Abgefülltes Wasser zum Trinken gibt es natürlich nach wie vor im Laden um die Ecke. Aber ich könnte mal wieder eine Dusche vertragen.