Tag 14: Verhandlungen mit der Regierung

kinshasaSo langsam nervt Kinshasa. Eigentlich wollten wir schon vor Tagen in die schöneren Teile des Landes aufbrechen, stattdessen sitzen wir hier fest und warten. Die Stadt brodelt wie ein gigantischer Suppentopf kurz vor dem Überkochen, und wir schwappen recht ziellos hin uns her.  Inzwischen kann ich Lucien ganz gut verstehen, wenn er sagt, er hasse die Stadt und wolle sie so schnell wie möglich hinter sich lassen. So schnell lässt uns Kinshasa allerdings nicht aus ihren Fängen. Wir warten noch immer auf ein Gespräch mit dem Minister für Landwirtschaft und Fischerei. Von dem brauchen wir eine Art Genehmigung für unser geplantes Fischereiprojekt am Mai-Ndombe-See, und, was viel wichtiger ist, wir benötigen Materialien im Wert von 20.000 Euro – Netze, Kühltruhen, Zubehör, all so etwas eben. Aus den Entwicklungshilfe-Töpfen der EU werden dem Kongo derartige Dinge gratis zur Verfügung gestellt, um so das Fischereiwesen zu fördern. Die Aufgabe, diese Materialien gerecht zu verteilen, obliegt wiederum der Regierung, die das Zeug nach Gutdünken verschachert, hauptsächlich an private Abnehmer. Es ist völlig unklar, wie viel davon überhaupt noch im Kongo ist.

Der zuständige Vertreter des Ministers geht den Vertragsentwurf durch und zeigt sich dem Projekt gegenüber recht aufgeschlossen, dann wird er plötzlich stutzig. Viertausend Dollar? Als Gegenleistung für diese Materialen würde die Regierung pro Jahr nur viertausend Dollar erhalten? Um sicherzustellen, dass er uns richtig verstanden hat, schreibt er die Zahl auf einen Zettel. Das ist wenig, sagt er, fast mitleidig. Andere Vertragspartner würden der Regierung zigtausende Dollar bieten. Das Projekt finde er ja gut, aber müsse es unbedingt in der Region Mai-Ndombe sein? Wenn wir das Projekt im Osten des Landes durchführen würden (aus dem sowohl er als auch sein Vorgesetzter stammt), würde er ja sofort ja sagen, aber dort? Die Provinz wird von der Regierung als mehr oder weniger „dunkles Gebiet“ angesehen. Da der gegenwärtig amtierende Präsident dort bei der letzten Wahl nur sehr wenige Unterstützer fand, gilt die Region als nicht sonderlich förderungswürdig. Er ruft uns an, meint er.

Auf dem Rückweg sehen wir einen Polizeitransporter mit einem Sarg, umringt von einer Menschentraube. Der Abtransportierte, so wird uns erzählt, habe nur mal kurz pinkeln müssen – und hatte sich dafür die Mauer eines reichen Anwesens ausgesucht. Die Wachleute des Gebäudes wurden auf den Mann aufmerksam und prügelten so lang auf ihn ein, bis er tot war.

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—   Das Haus meiner Gastfamilie in Kinshasa

Die Kinder wollen alles wissen: Welche Haarfarbe meine „Verlobte“ habe (das Konkubinat ist für sie ebenso unvorstellbar wie Homosexualität), wie die deutsche Nationalhymne klingt, ob ich „Gangnam Style“ kenne, was das für ein Band an meinem Arm ist, ob ich singen und tanzen kann, welche Haarpflegeprodukte ich benutze, wie ich mir den Riss in meiner Hose und die Narbe auf meiner Hand zugezogen habe und – das fand ich besonders schön – auf welcher Sprache ich träume. Oft kann ich ihre Fragen übersetzen, halte meine Übersetzung dann aber für so unwahrscheinlich, dass ich davon ausgehe, sie missverstanden zu haben. Beispielsweise habe ich ihnen erzählt, was ein Psychologe ist und was die so machen („Wir, ähm, probieren, das menschliche Verhalten und Erleben zu verstehen…“), woraufhin sie mich prompt fragten, wie viele Menschen ich denn schon verstanden hätte. Ich fühlte mich ertappt.