Tag 15: Auf in den Niederkongo!

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matadiEndlich verlassen wir Kinshasa! In gewohnt waghalsigem Tempo fährt unser Reisebus über unzählige Serpentinenstraßen Richtung Westen, vorbei an den Stanley-Wasserfällen, an dessen Fuß sich die Handlung von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ abspielt. Es geht in den Niederkongo, wo sich vor vielen Jahrhunderten die ersten mondeles, die Bleichgesichter, niederließen. Zur Frage, warum die Weißen hier mondele genannt werden, gibt es eine hübsche Legende: Im Niederkongo lebte einst ein Albino mit dem Namen Mondele, der von allen geliebt wurde. Beim Baden ertrank der Mann im Großen Wasser, und die Trauer war groß. Einige Jahre später sichtete man auf dem Großen Wasser ein Schiff aus Europa, auf dessen Deck eine ebenso hellhäutige Gestalt zu sehen war. Die Einheimischen, die noch nie einen Weißen gesehen hatten, dachten, ihr geliebter Albinofreund sei auf magische Weise wiederauferstanden, und begrüßten den Neuankömmling mit dem Ruf: „mondele, mondele!“. Und da sich die Bezeichnung bis zum heutigen Tag gehalten hat, werde auch ich allerorts (zumindest in den ländlichen Regionen) mit diesem Ruf empfangen.

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—   Auf dem Weg in den Niederkongo

Die Busfahrt verbringen wir mit gegenseitigem Sprachunterricht – Lucien bessert mein Lingála auf, und ich verrate ihm ein paar markige Ausdrücke in deutscher Sprache. Mein Reisepartner spricht ziemlich gutes Deutsch – wenn es um grammatische Feinheiten geht, kann ich oft noch von ihm lernen. Allerdings ist sein Wortschatz relativ „brav“. Im Krankenhaus wusste er einmal nicht mehr weiter, als ein Alkoholiker ihm erzählte, er sei seit drei Monaten trocken und hätte schon lang keinen Klaren mehr getrunken. Ich bringe ich ihm die eine oder andere Vokabel jenseits der Schriftsprache bei und bin plötzlich selbst ganz begeistert. Wortschatz für heute: brenzlig, Mumpitz, schwedische Gardinen, sich die Kante geben, Schnulze, Schinken, Russisch Roulette, Anstandswauwau, Zeche prellen, Klatsch und Tratsch, die Bullen, sich auf seinen Lorbeeren ausruhen.

0307IMG_8291webWir machen Rast in Matadi. Die Stadt liegt in dem kleinen Zipfel des Kongos, der sich frech durch Angola hindurch Richtung Meer mogelt. Hier ist es um Welten schöner als in der Großstadt – weniger Lärm, weniger Müll, weniger Gestank, überall grasige, grüne Hügel. Wir wohnen bei Luciens Cousine Christine, die in einem für kongolesische Verhältnisse ausgesprochen noblen Haus wohnt (sie arbeitet für eine ausländische Firma, die hier europäisches Mehl vertreibt). Von der kurvenreichen Fahrt ist mir noch immer schwindelig, und wir machen einen langen Spaziergang durch die Stadt. Unterwegs unterhalten wir uns mit einer Straßenhändlerin namens Mireille. Wie immer diskutiert Lucien viel, diesmal über Sex und Verhütung. Mireille ist achtundzwanzig, also nur ein paar Jahre älter als ich, und hat bereits vier Kinder. „Das reicht mir!“, sagt sie und lächelt uns zu. Zähne hat sie kaum noch.

An die Pille ist hier nicht zu denken, also müssen Mireille und ihr Mann Kondome benutzen, zumindest an den Tagen vor und nach dem Eisprung. Ob er da auch mitmache? Manchmal ja, manchmal nein, sagt sie und lächelt wieder. Kind Nummer vier war beispielsweise ein „manchmal nein“, ein Versehen. Während sie erzählt, wirft Kind Nummer drei gerade das Körbchen mit den Maggi-Spezialbrühwürfeln für Maniokkraut um. Mireille bückt sich und sammelt alles wieder ein.

Im Durchschnitt bringt jede kongolesische Frau 6,3 Kinder zur Welt, das Bevölkerungswachstum beträgt 3% pro Jahr. Für das Fischereiprojekt in Inongo ist derzeit vorgesehen, dass jede Familie maximal fünf Kinder über eine Art Familienversicherung mitversorgen kann. Für jedes weitere Kind muss ein kleiner zusätzlicher Beitrag abgegolten werden. Möglicherweise, so kommt mir in den Sinn, wäre ja aber auch eine restriktivere Lösung besser: beispielsweise die kostenlose Mitversicherung von bis zu drei Kindern, und jedes weitere kostet dann jeweils ein klein wenig mehr, sozusagen als „progressive Familienversicherung“? Diese Variante passt allerdings rein gar nicht zu meinem sonst eher liberalen Weltverständnis. Mir erscheint das ziemlich bevormundend – sollte nicht jeder Mensch selbst frei darüber entscheiden können, wie viele Kinder er bekommen möchte, ohne sich dabei Sorgen um deren medizinische Versorgung machen zu müssen?

Zumindest, so denke ich, sollte aber ein freier Zugang zu Verhütungsmitteln gewährleistet sein. Lucien sieht das prinzipiell auch so, meint allerdings, dass wir in diesem Punkt eventuell mit der Diözese Probleme bekommen könnten[1]. Und: Selbst, wenn Kondome für alle verfügbar wären, würden sie deswegen noch lang nicht genutzt werden. Wenn der Mann nicht will, dann will er eben nicht.

 


[1] Was Verhütung angeht, sind die hiesigen Ordensschwestern auch nicht päpstlicher als der Papst und sehen vieles wesentlich gelassener, als es vom Vatikan vorgesehen ist. Nichtsdestotrotz ist es für viele ein heikles Thema.