Tag 18: Arm, aber glücklich?

0307IMG_8751webkinshasaDas Seltsame am Kongo ist: Eigentlich fehlt es an nichts. Kaum ein Land ist derart reich an Rohstoffen und fruchtbaren Böden, alles grünt und blüht, gerade der Niederkongo mutet zuweilen paradiesisch an. Und trotzdem wohnen die meisten Kongolesen in schäbigen Wellblechhütten, haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und nicht genügend Nahrung, um ihre Kinder satt zu bekommen. Gleichzeitig haben viele Kongolesen eine ausgesprochene Vorliebe für Luxus und westliche Statussymbole. Smartphones sind beispielsweise weit verbreitet – gestern  habe ich einen Typen gesehen, der gleich drei davon mit sich herumtrug (mit meinem ollen Nokia-Handy aus dem Jahre 1995 löse ich hier Verwunderung aus). Fahrräder sind allgemein verpönt, weil nicht prestigeträchtig – wer Geld hat, kauft sich ein Auto, wer keins hat, geht eben zu Fuß. Fisch wird gern gegessen und ist auch in Hülle und Fülle vorhanden, wird allerdings aus Südafrika importiert, während die hiesigen Fischbestände fast überhaupt nicht genutzt werden. Auch Milchprodukte sind beliebt, vornehmlich Butter und in Dosen abgefülltes Milchpulver – von Kerrygold, importiert aus Irland.

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—   Blähbauch

Mein Eindruck: Das Streben nach Besitztümern und Luxusgütern ist im Kongo ebenso verbreitet wie in Europa auch (langweilige Nullhypothese, mal wieder). Die weit verbreitete Ansicht, nach der Afrikaner vielleicht ärmer, aber dafür viel glücklicher als „wir Europäer“ seien, ist völliger Humbug. Armut geht weder mit edlem Gemüt noch mit einer Besinnung auf die wesentlichen Dinge im Leben einher. Armut ist einfach nur beschissen. Das Ausmaß an Habgier und materialistischer Grundhaltung, so scheint es, ist schlichtweg unabhängig davon, wie viel Geld einem zur Verfügung steht.

A propos Materialismus: Ironischerweise gibt es auf Lingála kein Wort für haben. Besitz wird, wenn nötig, durch eine Ersatzformulierung ausgedrückt: nazali ya eloko – Ich bin „bei“ einem Gegenstand. Das mag nicht so recht zu der Hypothese passen, nach der die Sprache unser Denken formt.

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—   junge kongolesische Familie