Tag 22: Strom, es gibt Strom!

kinshasaUnd irgendwann, mitten in der Nacht, gehen plötzlich alle Lichter im Haus wieder an. Es gibt Strom (wenn auch nur für zwei Stunden, vermutlich ein Versehen der Stadtwerke).  Ich kann schreiben, mich meiner Umwelt mitteilen! Mir hat das sehr gefehlt in den letzten Tagen. Hier, in unmittelbarer Äquatornähe, geht die Sonne jeden Tag um sechs unter. Sofern kein Strom vorhanden ist, kann man danach nichts, rein gar nichts tun. Nichts lesen, keine Musik hören, keinen Film schauen, nicht spazieren gehen[1], man kann einfach nur darauf hoffen, möglichst bald einzuschlafen. Lucien ist überzeugt davon, dass der kongolesische Kindersegen eng mit den häufigen Stromausfällen zusammenhängt.

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—   Strom!

Man adaptiert erstaunlich schnell an die hohe Skurrilitäts-Dichte auf den Straßen von Kinshasa. Personen, nach denen ich mich in Deutschland vermutlich noch drei Mal umgedreht hätte, sind hier einfach fester Bestandteil des Straßenbilds. Ein Verkehrspolizist oder Parkplatzeinweiser mit geschulterter Kalaschnikow ist eher Regel als Ausnahme (Lucien meint, die Dinger seien fast nie geladen, es geht lediglich darum, ein wenig Eindruck zu schinden). Gestern habe ich einen Soldaten gesehen, der auf der einen Seite ein Maschinengewehr, auf der anderen Seite eine schwarz glänzende Lack-Damenhandtasche trug.

Aber auch Zivilpersonen geben hier modisch einiges her. Einerseits sind traditionelle Gewänder recht verbreitet, häufig aus grellbunten Stoffen geschneidert[2].  Andererseits entstammen viele Outfits recht offensichtlich deutschen Altkleidertonnen. Häufig sieht man beispielsweise Sprüche-T-Shirts, wie man sie zuweilen deutschen Geschenkartikelläden sichtet („Bier formte diesen wunderbaren Körper!“), zudem Oberbekleidung, deren Motiv eindeutig an Aktualität eingebüßt hat („Tokio Hotel“, „Fuck Bush“, „Junggesellenabschied 2002 – Matze“). Auch diese grässlichen Weihnachtsmannmützen mit rotem Zipfel und weißer Bommel sind alljährig beliebt. Zudem habe ich schon mehrere Kongolesen mit Black-Metal-T-Shirt gesehen. Hat die Szene in Afrika eine so treue Fangemeinde? Oder hat einfach eine überforderte europäische Mutti die Kluft ihres missratenen Sohns im Container der Heilsarmee versenkt?

 


[1] Zumindest in Kinshasa eher eine schlechte Idee. Man munkelt von einer Macheten-Mafia, die nachts unbescholtene Passanten mit riesigen Buschmessern in Stücke schneidet. Also lieber zu Hause bleiben.

[2] Auch mir wurde ein solches versprochen (von einer Schneiderin mit dem schönen Namen Magie, betont auf der zweiten Silbe), und ich hoffe inständig, dafür noch diesen einen Stoff auftreiben zu können, der über und über mit dem Konterfei von Papst Franziskus bedruckt ist.