Tag 23: Zwischenmenschliche Befindlichkeiten, kongolesische Variante.

kinshasaBlandine
hat es sich zu einer Herzensangelegenheit gemacht, mich während meines Aufenthalts anständig zu ernähren. Zu Beginn unseres Besuchs habe ich nicht verstanden, wie ernst es ihr damit ist. Für sie gibt es nichts Beschämenderes als die Vorstellung, ich könnte bei meiner Rückkehr nach Deutschland magerer sein als bei meiner Ankunft. Nun bin ich in Deutschland ja hinlänglich als guter Esser bekannt, und auch hier stopfe ich unbekümmert alles in mich rein, was mir vorgesetzt wird. Nur: Es reicht nicht. Zum Frühstück gibt es beispielsweise eine üppige Portion frittierte Kochbananen und Papaya mit Zitronensaft. Nach Ansicht meiner Gastmutter ist das jedoch keine Mahlzeit, sondern bestenfalls ein Zwischendurch-Snack; sie kann partout nicht verstehen, wie man derart mangelernährt das Haus verlassen kann. Beim gestrigen Abendbrot war sie ernstlich geknickt, weil ich auf meinen Fisch verzichtet hatte (mir war schlichtweg nicht danach). Ausgeschimpft wurde aber nicht ich – die Schelte bekam Lucien ab, der sich ihrer Meinung nach nicht genug um meine Ernährung kümmere.

0307IMG_8331web

—   “Und davon willst du satt werden?”


 

Lucien
steht unter der Fuchtel seiner Schwestern, und er hat viele davon, unübersichtlich viele[1]. Und alle sind um mein Seelenheil besorgt und setzen durch, was auch immer sie für nötig erachten, um ebenjenes zu sichern. In den letzten Tagen wurde mir beispielsweise Ruhe verordnet, ich hatte zu Hause zu bleiben und mich zu entspannen. Da nützte auch alles Betteln Lucien gegenüber nicht („Mir ist langweilig, ich will etwas unternehmen!“), er hatte da ohnehin nichts mitzureden. So dickköpfig Lucien auch sein kann – seinen Schwestern ist er gnadenlos unterlegen.

0307IMG_8967web

—   Am Abendbrottisch: Links Lucien, rechts seine Schwester Anita, im Hintergrund die Kinder

 

Theo
hat genug davon, auf den Straßen Kinshasas überall als die große Zirkusattraktion angesehen zu werden. Wo ich auch hinkomme, wird begeistert „mondele, mondele!“ gerufen, mein Verhalten wird aufs Genaueste beobachtet und diskutiert, und manchmal stimmen die Jugendlichen Gesänge an. Vor ein paar Tagen kam ein junger Kongolese, vielleicht um die zwanzig, auf mich zu, strich mir durchs Haar und strahlte übers ganze Gesicht. Aber sicher, die meinen das alles nicht böse, sie freuen sich einfach – viele von ihnen haben schlichtweg noch nie in ihrem Leben ein Bleichgesicht gesehen. Das weiß ich ja alles. Und sofern ich gut gelaunt bin, stört mich das alles auch nicht weiter. Wenn ich aber bereits den ganzen Tag bei drückender Hitze durch die Stadt gehechtet bin, wird es mir mitunter schlichtweg zu viel und ich werde wütend.

 


[1] Dazu trägt sicher auch die Tatsache bei, dass im Kongo auch die Kinder der Onkel und Tanten als Geschwister angesehen werden. Auf Lingála gibt es beispielsweise keinen sprachlichen Unterschied zwischen „Schwester“ und „Cousine“. Tatsächlich gilt es als Beleidigung, eine Cousine nicht als Schwester zu bezeichnen.