Tag 24: Geister, Dämonen, Hexenkinder

kinshasaIch als Seelenfänger: Gestern Abend auf dem Heimweg habe ich versehentlich ein Grüppchen entgegenkommender Passanten „geschnitten“, indem meinen Weg durch die Mitte der Gruppe nahm. Mir wurde ärgerlich hinterhergeschimpft: „Kannst du nicht aufpassen, mondele?“. Im Kongo bringt es nämlich Unglück, Menschengruppen zu schneiden, weil man damit ein Stück ihrer Aura abtrennt.

Und auch sonst kursieren hier die wildesten Geschichten; Übernatürliches, Wundersames, Unerklärliches. Im Niederkongo sind wir beispielsweise an einem Berg vorbeigefahren, auf dessen Spitze ein gigantischer Stein thronte. Zu diesem wird sich in der Gegend die folgende Geschichte erzählt: Vor ein paar Jahren wären Europäer in die Gegend gekommen, hätten den Felsbrocken ins Tal transportiert und ihn in viele kleine Stücke zerlegt. Doch am nächsten Morgen sei der Stein wieder auf der Bergspitze gewesen, unzerteilt, als wäre nichts geschehen. Die Bewohner der Gegend sind überzeugt, dass es sich genau so abgespielt hätte. Als Lucien Zweifel am Wahrheitsgehalt der Geschichte anmeldete, wurden sie regelrecht verärgert.

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In Kinshasa werden gibt es haufenweise Straßenkinder. Die meisten wurden von ihren eigenen Eltern ausgestoßen, mit der Begründung, sie wären besessen und würden ihre Umgebung verzaubern[1]. Häufig wollten die Eltern ihre Kinder schlichtweg loswerden (etwa, wenn eine geschiedene Frau eine neue Beziehung eingeht und der neue Mann sich an den Kindern aus der ersten Ehe stört).

Gestern haben wir in der Stadt eine ganze Gruppe von ihnen gesehen. Sie ziehen durch die Gegend und betteln. Wenn sie etwas verdienen, müssen sie das Geld zumeist an die älteren Kinder abtreten. Sie fragten uns, ob wir ihnen nicht irgendetwas geben könnten. In unserer Verlegenheit kauften wir in einem Restaurant mehrere Rühreier, gebratenen Fisch und kuanga, setzten uns mit ihnen an den Straßenrand und warteten so lang, bis sie alles aufgegessen hatten. Eines der Straßenkinder fragte Lucien daraufhin, ob er nicht zufällig sein Vater sei.

 


[1] Der Glaube an diese „Hexenkinder“ (enfants sorciers) ist vor allem in Kirchen der Erweckungsbewegung weit verbreitet, einige Sekten bieten zu horrenden Preisen Exorzismen an, um die Kinder von ihrer Besessenheit zu befreien.