Tag 27: Eure Armut kotzt mich an!

kinkoleVor ein paar Tagen kam der Brief vom Ministerium: Wir sollen uns die benötigten Materialien abholen, allerdings nicht bei ihnen, sondern in Bandundu. Das bedeutet so viel wie: „Eure Fischernetze sind in Abrahams Wurstkessel und dort bleiben sie auch!“. Für schnöde viertausend Dollar wollen sie die EU-gesponserten Netze partout nicht rausrücken. Vorgestern und heute haben wir uns mit zwei Fischerei-Kooperativen im Umland von Kinshasa (Maluku und Kinkole) getroffen, die ebenfalls Interesse an dem Projekt gezeigt hatten. Möglicherweise, so der Gedankengang, könnten sich alle Fischereiverbände in der Umgebung zusammenschließen und so einen gemeinsamen Antrag auf die benötigten Materialien stellen. Die Fischer diskutierten mehrere Stunden. Sie schienen der Idee recht angetan zu sein, zeigten sich andererseits aber auch misstrauisch – zuvor hätte es schon mehrere andere Projekte gegeben, aber die Verantwortlichen hätten jedes Mal in ihre eigene Tasche gewirtschaftet oder seien gleich mit dem verdienten Geld getürmt.

Am Ende des Treffens fragten sie, wo ihre „Aufwandsentschädigung“ sei. Scheinbar hatten die Fischer bei anderen Zusammenkünften, etwa bei Weiterbildungsseminaren der Weltbank, stets ein wenig Geld als Dank für ihre Teilnahme bekommen und erwarteten das jetzt auch von unserer Organisation. Lucien versuchte es mit einem Vergleich: Was, wenn Präsident Kabila 65 Millionen Dollar bekommen würde und das Geld gerecht unter der Bevölkerung aufteilen würde? Richtig, jeder würde seinen Dollar ausgeben und am nächsten Tag wäre alles so wie vorher. Wenn er von dem Geld jedoch ein Krankenhaus bauen würde, könnte er dem Land langfristig viel besser helfen. Die Fischer lachen, sie haben den Vergleich verstanden und nicken zustimmend. Allerdings: Den einen Dollar wollen sie trotzdem haben. Lucien bleibt nichts anderes übrig, als die Aufwandsentschädigung für die sechzig anwesenden Fischer aus eigener Tasche zu finanzieren. Ich kann es einfach nicht fassen – die Fischer haben sich doch in ihrem eigenen Interesse zusammengefunden! Wenn man sie dafür mit Geld entlohnt, untergräbt man doch ihre intrinsische Motivation und die Eigenverantwortung für ihre ureigensten Angelegenheiten!

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—   “Warum müsst ihr eigentlich alle so arm sein?”

 

Ich habe in dem Moment – und darauf bin ich nicht stolz – eine regelrechte Wut auf die Kongolesen entwickelt. Wie können die nur so blöd sein? Die Gewässer sind voll von Fischen, es gibt genügend Netze, um sie rauszuholen, und trotzdem geht es allen beschissen. Alle betrügen sich gegenseitig, alle wollen nur das schnelle Geld und kriegen es einfach nicht gebacken, sich zusammenzuschließen und nach effektiven, nachhaltig wirksamen Lösungen zu suchen. Warum nur verkaufen sie all die Hilfsgüter an China, anstatt sie für sich selbst zu nutzen? Warum pissen sie in ihre eigenen Quellen, anstatt aus ihnen zu trinken? Warum können sie nicht auf den Marshmallow für heute verzichten, wenn sie dafür morgen eine ganze Tüte kriegen könnten?

Natürlich, einen Moment später gewinne ich wieder meine Fassung. Ja, wenn die Fischer einen ganzen Tag mit Diskutieren statt mit Fischen zugebracht haben, können sie ihre Familie nicht ernähren. Natürlich brauchen sie den Dollar. Und wenn es um das tägliche Überleben geht, ist das Bedürfnis nach langfristiger Sicherung zweitrangig. Das alles ist mir bewusst, und doch – zornig bin ich irgendwie trotzdem.

Nachdem das Treffen beendet ist, wenden sich zwei Beamte des kongolesischen Staatssicherheitsdienstes[1] an Lucien. Sie wollen seine Telefonnummer, seine Adresse – und ein bisschen Geld. La motivation.

 


[1] Die kongolesische Regierung hat keineswegs etwas gegen das Projekt, allerdings wollen sie über alle Aktivitäten informiert sein und schicken ihre Beamten deswegen zu sämtlichen größeren Zusammenkünften. Deswegen musste das Treffen auch (gegen eine Bearbeitungsgebühr von 20 Dollar, selbstverständlich) an offizieller Stelle angemeldet werden.