Tag 30: Ein kongolesisches Familiendrama

kinshasaFisch aus dem Mai-Ndombe-See ist im Kongo heißbegehrt. Er gilt als grätenarm und äußerst köstlich. Allerdings gibt es kaum Möglichkeiten, den Fisch zu kühlen oder zu transportieren. Deswegen rief Cyprien, ein Schwager von Lucien, vor einigen Jahren das Fischereiprojekt ins Leben. Sein Plan sah es vor, die Fischer aus Inongo und Kutu mit moderner Ausrüstung (Boote, Netze, Kühltruhen, Transportkisten) zu versorgen, sodass sie ihren Fang nach Kinshasa verschiffen und verkaufen können. Ein Teil des erwirtschafteten Gelds sollte dabei als festes Gehalt an die Fischer selbst gehen, der Rest sollte zur Finanzierung eines Krankenversicherungssystems für die Fischer und ihre Familien verwendeten werden. Allerdings konnte Cyprien seinen Plan nie in die Tat umsetzen: Er starb bei einem Flugzeugabsturz auf einem Flug zwischen Inongo und Kinshasa. Lucien nahm sich daraufhin vor, Cypriens Erbe anzutreten und das Projekt an seiner Statt zu verwirklichen.

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—   Olivier

Lucien und ich besuchen Cypriens Witwe Marcelline. Ihre Kinder, Benedicte, Vanessa, Olivier und Sarah, wohnen allerdings nicht bei ihr, sondern bei Blandine. Der Grund dafür ist ein bizarren Nachbarschaftstreit – eine merkwürdigen Geschichte, aus der ich nicht so recht schlau werde: Nach dem Tod Cypriens wurde ein Teil des Grundstücks verkauft, an einen reichen Kongolesen, der dort mit seiner fünften Frau eine Familie gründete[1]. Anfangs verstanden sich die Nachbarn ausgezeichnet, doch irgendwann kam es zu Reibereien, woraufhin der Mann eine Mauer zwischen den beiden Teilgrundstücken errichten ließ. Allerdings führte der Weg zu Marcellines Haus durch den Garten des Nachbarn. Um überhaupt noch ins Freie zu kommen, musste die Familie über eine hohe Mauer auf der anderen Seite des Grundstücks klettern. Marcelline reichte Klage gegen ihren Nachbarn ein und gewann. Der Staat schickte Soldaten, die die Mauer einrissen. Daraufhin bestach der reiche Nachbar jedoch den Richter und errichtete an der gleichen Stelle erneut eine Mauer.

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—   Vanessa und Olivier mit ihrer “Leihmutter” Blandine

Die umliegenden Anwohner waren empört über das Vorgehen des Nachbarn, es kam sogar zu einem kleinen Aufstand, doch vergebens – die Mauer blieb. Für Benedicte, Vanessa, Sarah und Olivier war es fast unmöglich, in die Schule zu kommen. Deswegen klärte sich Blandine bereit, die Kinder so lang bei sich wohnen zu lassen, bis sich das Problem klärt. Inzwischen leben die Kinder seit einem halben Jahr nicht mehr bei ihrer Mutter, ohne dass eine Lösung in Aussicht wäre. Warum setzt man nicht an einer anderen Stelle des Grundstücks eine Tür ein? Das müsste der Besitzer des entsprechenden Nachbargrundstücks genehmigen. Und die Anwohner wollen partout nicht, dass Marcelline in dem Streit klein beigibt – einen anderen Zugang zu schaffen, würde einer Niederlage gleichkommen, finden sie. Warum verkauft Marcelline das Haus nicht und zieht in ein anderes? Das will sie wiederum nicht, weil das Grundstück für sie mit der Erinnerung an ihren verstorbenen Ehemann verbunden ist. Also bleibt vorerst alles so, wie es ist.

 

 


[1] Polygamie ist im Kongo offiziell verboten, ist in bessergestellten Familien aber immer noch weit verbreitet. Üblicherweise gründet der Mann mit jeder seiner Frauen eine eigene Familie, die dann in separaten Häusern untergebracht sind. Die werden dann als „bureau“ bezeichnet und durchnummeriert: premier bureau, deuxième bureau, troisième bureau, quatrième bureau – und, in diesem Falle: cinquième bureau.