Tag 35: Überfahrt ins Totenreich

0307IMG_8885webinongoWir überqueren den Lac Mai-Ndombe, das Schwarze Wasser. Keiner weiß so recht, wie der See zu seiner einer eigentümlichen Färbung kommt. Bodenschätze, vermuten viele. In Inongo gibt es deswegen mehrere ausländische Forschungsstationen, die am Grund des Gewässers nach Erdöl und Kohle suchen.[1]

Mein wichtigstes Gepäckstück: Die Schwimmweste. Vor einigen Jahren hatte Lucien auf ebenjenem See Schiffbruch erlitten. Er war gerade zusammen mit seinem Chauffeur und einen Krankenpfleger unterwegs, um einige Medikamente nach Inongo zu transportieren, als plötzlich der Motor ausging, mitten auf dem See. Motorboote sind am Heck üblicherweise mit einem Loch versehen, damit das während der Fahrt eintretende Wasser wieder abfließen kann. Bei Stillstand muss das Loch jedoch schnell verschlossen werden. Der Fahrer geriet in Panik, weil er den abgeknabberten Maiskolben nicht mehr finden konnte, mit dem er das Loch am Heck des Boots normalerweise zustopfte. Zu allem Übel war auch noch heftiger Wellengang, sodass das Wasser über die Seitenränder schwappte. Lucien konnte gerade noch rechtzeitig einen Hilferuf per Handy durchgeben, dann soff das Boot ab. Eine Schwimmweste hatte keiner mit, also hielten sich die drei an der Styroporbox fest, die sie zur Kühlung der Medikamente mitgenommen hatten. Sie warteten zweieinhalb Stunden, bis sie von einer der Nonnen aus dem Wasser gezogen wurden.

Dieses Mal haben wir jedoch vorgesorgt – wir sind alle drei mit Rettungswesten ausgestattet. Zudem ist das Wasser spiegelglatt, von Wellen keine Spur. Der See ist zu weiten Teilen mit Nebelschwaden bedeckt. Schon bald lässt sich nicht mehr erkennen, wo das Wasser aufhört und der Himmel beginnt. Über Stunden hinweg ist nichts zu sehen, nur dann und wann ein dürres Holzboot, in dem ein Fischer steht und paddelt. Alles ist in ein diffuses, blassviolettes Licht getaucht.

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Irgendwann dann: Inongo. Die Stadt, in der Lucien geboren und aufgewachsen ist. Straßenlaternen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb sind. Ruinen riesiger Hotelanlagen, die niemals zu Ende gebaut wurden. Relikte aus der Zeit, in der Mobutu das Land regierte. Mit dem Motorrad fahren wir zur Pfarrei, wo ein fantastisches Abendessen und ein Gästezimmer für uns bereitstehen. Wir bedanken uns artig, fallen ins Bett und schlafen augenblicklich ein.



[1] Vorteil für mich: Kostenloser WLAN-Zugang im Stadtgebiet. Nach einer Woche kann ich endlich wieder ein paar Emails nach Deutschland schreiben.