Tag 36: Männertag

0307IMG_8844web

—   Unterwegs mit Hiob

inongoLucien-freier Tag: Mit unserem Chauffeur, der den wenig vertrauenserweckenden Namen Hiob trägt[1], erkunde ich ein wenig die Gegend. Mit seinem geländefähigen Motorrad brausen wir durch Inongo. Schattige Strandpromenaden, palmblattbedeckte Hütten und weißer Sand, der unter den Füßen quietscht – die Stadt wäre das perfekte Ziel für Pauschalurlauber, würde sie nicht gerade mitten im Kongo liegen.

0307IMG_8903web

—   Ich darf auch mal

Hiob erfüllt mir meinen derzeit sehnlichsten Wunsch: Er lässt mich an das Steuer seines Motorboots. Mitten auf dem See kann ich ungestört üben: Geradeaus fahren, lenken, schnittige Kurven einlegen, kräftig Gas geben. Ein Kleine-Jungs-Traum vom Feinsten. Überhaupt merke ich hier, wie viel Freude mir dieser ganze Machokram bereitet: Benzinkanister schleppen, Leitungen verlegen, mit dem Motorrad durch die Gegend heizen und sich den Weg freihupen (wenn auch nur als Mitfahrer) – all das löst heftige Glücksgefühle in mir aus.

Meine beschränkten Sprachkenntnisse scheren Hiob wenig, er plaudert munter auf Lingála vor sich hin – über russische Satelliten, Schnellboote und die deutsche Stahlindustrie. Um das Gespräch am Laufen zu halten, reicht es völlig aus, von Zeit zu Zeit einige Wortfetzen des Gegenübers zu wiederholen und dabei nachdenklich mit dem Kopf zu nicken – eine Taktik, mit der man in fremden Ländern erstaunlich weit kommt, auch gänzlich ohne Vokabelkenntnisse.

0307IMG_8899web

 „O lingi ko mela verre ya miel?“, fragt mich Hiob. Ich nicke reflexartig und übersetze erst dann: „Möchtest du ein Glas Honig trinken?“. Prompt holt Hiob eine Zwei-Liter-Plastikflasche voller Honig aus dem Haus, hält sie mir unter die Nase und strahlt. Er schenkt mir ein Glas ein – und tatsächlich, es ist zuckersüßer, unverdünnter Honig, so, wie ich ihn als Brotaufstrich kenne. Mit dem Unterschied, dass in diesem hier hunderte tote Ameisen schwimmen. Hiob winkt ab: Das sei ganz normal, sagt er, die seien immer dabei. Könne man einfach mittrinken.

Am Abendbrottisch unterhalten wir uns mit einem Mönch über Cannabis. Kiffen sei zwar offiziell verboten, erzählt dieser, da sich aber niemand um die Durchsetzung dieses Verbots schere, wäre Kiffen weit verbreitet. Auch er habe es schon mal versucht. Angebaut werde meist heimlich – Häufig würde man den Hanf verstecken, indem man im Umkreis der Pflanze Maniok anbauen würde. Selbst Präsident Kabila, so erzählt man sich, würde eine private Hanfplantage unterhalten (völlig unklar, ob da was dran ist – obskure Geschichten über den Präsidenten hört man hier haufenweise).

Tabak wird derweil wesentlich seltener konsumiert als in Deutschland, und das, obwohl eine Schachtel hier umgerechnet vierzig Cent kostet – für deutsche Raucher vermutlich unvorstellbar. Die sprachliche Unterscheidung zwischen reinen Tabakzigaretten und Joints ist auf Lingála übrigens ähnlich geziert wie im Deutschen – ersteres wird mit ko mela makaya, also „Zigaretten rauchen“ bezeichnet, letzteres mit ko mela likaya„die Zigarette rauchen“.

 


[1] Aber hey, auch Lucien ist ein heikler Name – auf Deutsch bedeutet er schlichtweg Luzifer. Hier im Kongo begegnen mir allerdings skurrile Namen am laufenden Band. Elvis mag ja noch angehen, aber Bienvenue?