Tag 39: Von Undercover-Rebellen und betrunkenen Polizisten

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Als ich gegen um acht aufwache, kehrt Lucien gerade gutgelaunt aus dem Ministerium zurück. Zwei Stunden lang hat er mit dem Provinzminister über das Fischereiprojekt geredet. Da dieser ebenfalls aus Inongo stammt, war er von dem Vorhaben gleich angetan und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit wir die Materialien doch noch bekommen.

0307IMG_8612webWir treten unseren Rückweg nach Kinshasa an, mit dem gleichen Bus, der uns vor einigen Tagen schon heil nach Bandundu gebracht hatte. Der Rückweg verläuft leider nicht so reibungslos: Schon kurz nach der Abfahrt haben wir eine Panne: Der Kühlwassertank läuft aus. Der Busfahrer repariert das Leck notdürftig, sammelt die Wasserflaschen der Fahrgäste ein und füllt den Tank wieder auf. Eine Stunde später kommt der Bus endgültig zum Erliegen. Alle aussteigen, bitte.

Wir sitzen fest in einer Kleinstadt irgendwo zwischen Bandundu und Kinshasa. Zwei Dynastien teilen sich die Verwaltung des Orts von Generation zu Generation. Der Name richtet sich dabei nach dem gegenwärtig regierenden Clan: Gerade heißt die Stadt Mbio, nach dem nächsten Machtwechsel wird sie Masia heißen.

Der Empfang ist wenig herzlich: Ein betrunkener Polizist hält uns an, zeigt auf meine Stiefel und fängt an, wild zu schimpfen. Sein Vorwurf: Meine Undercover-Boots sähen irgendwie militärisch aus, und in Zeiten wie diesen wisse man ja nie. Was, wenn ich ein bewaffneter Rebell bin? Er will hunderttausend Francs von uns, also etwa achtzig Euro. Unser Busfahrer verteidigt mich – das seien doch ganz normale Stiefel, wie man sie in jedem Laden kaufen könne, meint er. Der Polizist wird wütend, nimmt den Busfahrer mit aufs Revier und sperrt ihn dort in eine Zelle, um ihn später zu „verhören“.

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—   Rechts: normal. Links: verdächtig.

Lucien macht sich daran, die Sache zu klären. Er verfügt über ein erstaunliches diplomatisches Geschick im Umgang mit Autoritäten – meistens können wir gehen, ohne auch nur einen Franc zu bezahlen. Ich mache es mir derweil auf meinem Rucksack bequem und frühstücke erst einmal. Die Bewohner des Viertels werden auf mich aufmerksam. Schon bald bin ich von Kindern und ihren dazugehörigen Müttern  umzingelt und habe einen weiteren Interessenkonflikt zu klären: Eine Frau will mich um jeden Preis mit ihrer zwanzigjährigen Tochter vermählen. Ich sei schon in festen Händen, verteidige ich mich – doch dieses Argument will sie partout nicht gelten lassen: Seien die kongolesischen Mädchen denn nicht auch schön?

Nach einer Stunde kommt Lucien wieder. Er hat so lang mit dem Polizisten diskutiert, bis dieser aufgegeben und den Busfahrer wieder freigelassen hat. Jetzt rettet er auch mich aus meiner misslichen Lage. Gemeinsam suchen wir uns ein lauschiges Plätzchen und warten. Der kaputte Tank ist zwar nicht wieder ganz zu kriegen, dafür soll aber ein Ersatzbus aus Bandundu kommen. Und tatsächlich – nach sieben Stunden taucht tatsächlich eine, sammelt uns auf und bringt uns nach Kinshasa. Irgendwann gegen acht Uhr morgens kommen wir an – staubig, klebrig und hundemüde.

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—   Mein (ursprünglich weißes) T-Shirt nach der Busfahrt