Tag 26: Heimatkunde

kinshasaBlandine kann ein wenig deutsch. Ihr Lieblingswort ist Knödel. Überhaupt liebt sie Knödel über alles, seit Lucien ihr einmal eine Packung Fertigpulver aus Deutschland mitgebracht hat. Auch dieses Mal will meine Gastmutter unbedingt wieder Knödel essen. Da weder Lucien noch ich an Knödelfertigpulver gedacht haben, bleibt mir nichts anderes übrig, als es auf die gute, alte Hausfrauenart zu versuchen. Ich bin bei Weitem kein Fachmann in Sachen Knödelzubereitung, das traditionelle Rezept kenne ich eigentlich nur vom Hörensagen. Zum Wohle der deutsch-kongolesischen Völkerverständigung mache ich mich aber gemeinsam mit Blandine daran, meine Wissenslücke zu stopfen.

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—   Meine Gastmutter Blandine bei der Knödelzubereitung

Kartoffeln sind im Kongo fast unbekannt. Nach langer Suche finden wir irgendwo auf dem Markt einen Stand, der tatsächlich welche verkauft. Es sind verschrumpelte, kleine Dinger, importiert aus Goma, für vier Stück werden fast zwei Euro verlangt. Wir kaufen zwei Kilo davon und verarbeiten sie streng nach dem thüringischen Rezept „halb-halb“: Ein Kilo wird gekocht und zu einem dünnen Kartoffelbrei verarbeitet, die andere Hälfte geraspelt und ausgewrungen. Ich quetsche und quetsche, doch für Blandines Geschmack nicht stark genug. Sie nimmt mir das mit Kartoffelpampe gefüllte Stofftuch aus der Hand und quetscht auf ihre Weise. Das Stofftuch reißt in zwei Hälften und die Kartoffelraspeln rieseln zu Boden.

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Wir schütten den ausgequetschten Kartoffelsaft in ein Gefäß und warten geduldig darauf, dass sich die Stärke absetzt. Nach mehreren Stunden des Wartens betrachten wir unsere traurige Ausbeute: ein, höchstens zwei Teelöffel weißer Schmodder. Es waren wohl festkochende Kartoffeln. Was, wenn die Knödel beim Kochen einfach auseinanderfallen? Sicherheitshalber fügen wir noch zwei Eier zu der Knödelpampe hinzu.

Der Teig ist so klebrig, dass es fast unmöglich ist, ihn zu gescheiten Knödelbällchen zu verarbeiten. Wir schmeißen die unförmigen Klumpatsche in den Topf und warten geduldig. Nach einer halben Stunde haben wir die Nase voll und fischen die Dinger wieder aus dem Wasser. Sie sind etwas wärmer als vorher, haben sich aber sonst nicht merklich verändert. Es sind schleimige, salzige und rohe Batzen, die mit den thüringischen Knödeln nicht das Geringste gemeinsam haben. Blandine und die Kinder essen trotzdem brav alles auf. Bei meinem nächsten Besuch, so schwöre ich mir, bringe ich Kloßteigmasse aus Deutschland mit.

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—   Sieht besser aus, als es schmeckt

 

Tag 27: Eure Armut kotzt mich an!

kinkoleVor ein paar Tagen kam der Brief vom Ministerium: Wir sollen uns die benötigten Materialien abholen, allerdings nicht bei ihnen, sondern in Bandundu. Das bedeutet so viel wie: „Eure Fischernetze sind in Abrahams Wurstkessel und dort bleiben sie auch!“. Für schnöde viertausend Dollar wollen sie die EU-gesponserten Netze partout nicht rausrücken. Vorgestern und heute haben wir uns mit zwei Fischerei-Kooperativen im Umland von Kinshasa (Maluku und Kinkole) getroffen, die ebenfalls Interesse an dem Projekt gezeigt hatten. Möglicherweise, so der Gedankengang, könnten sich alle Fischereiverbände in der Umgebung zusammenschließen und so einen gemeinsamen Antrag auf die benötigten Materialien stellen. Die Fischer diskutierten mehrere Stunden. Sie schienen der Idee recht angetan zu sein, zeigten sich andererseits aber auch misstrauisch – zuvor hätte es schon mehrere andere Projekte gegeben, aber die Verantwortlichen hätten jedes Mal in ihre eigene Tasche gewirtschaftet oder seien gleich mit dem verdienten Geld getürmt.

Am Ende des Treffens fragten sie, wo ihre „Aufwandsentschädigung“ sei. Scheinbar hatten die Fischer bei anderen Zusammenkünften, etwa bei Weiterbildungsseminaren der Weltbank, stets ein wenig Geld als Dank für ihre Teilnahme bekommen und erwarteten das jetzt auch von unserer Organisation. Lucien versuchte es mit einem Vergleich: Was, wenn Präsident Kabila 65 Millionen Dollar bekommen würde und das Geld gerecht unter der Bevölkerung aufteilen würde? Richtig, jeder würde seinen Dollar ausgeben und am nächsten Tag wäre alles so wie vorher. Wenn er von dem Geld jedoch ein Krankenhaus bauen würde, könnte er dem Land langfristig viel besser helfen. Die Fischer lachen, sie haben den Vergleich verstanden und nicken zustimmend. Allerdings: Den einen Dollar wollen sie trotzdem haben. Lucien bleibt nichts anderes übrig, als die Aufwandsentschädigung für die sechzig anwesenden Fischer aus eigener Tasche zu finanzieren. Ich kann es einfach nicht fassen – die Fischer haben sich doch in ihrem eigenen Interesse zusammengefunden! Wenn man sie dafür mit Geld entlohnt, untergräbt man doch ihre intrinsische Motivation und die Eigenverantwortung für ihre ureigensten Angelegenheiten!

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—   “Warum müsst ihr eigentlich alle so arm sein?”

 

Ich habe in dem Moment – und darauf bin ich nicht stolz – eine regelrechte Wut auf die Kongolesen entwickelt. Wie können die nur so blöd sein? Die Gewässer sind voll von Fischen, es gibt genügend Netze, um sie rauszuholen, und trotzdem geht es allen beschissen. Alle betrügen sich gegenseitig, alle wollen nur das schnelle Geld und kriegen es einfach nicht gebacken, sich zusammenzuschließen und nach effektiven, nachhaltig wirksamen Lösungen zu suchen. Warum nur verkaufen sie all die Hilfsgüter an China, anstatt sie für sich selbst zu nutzen? Warum pissen sie in ihre eigenen Quellen, anstatt aus ihnen zu trinken? Warum können sie nicht auf den Marshmallow für heute verzichten, wenn sie dafür morgen eine ganze Tüte kriegen könnten?

Natürlich, einen Moment später gewinne ich wieder meine Fassung. Ja, wenn die Fischer einen ganzen Tag mit Diskutieren statt mit Fischen zugebracht haben, können sie ihre Familie nicht ernähren. Natürlich brauchen sie den Dollar. Und wenn es um das tägliche Überleben geht, ist das Bedürfnis nach langfristiger Sicherung zweitrangig. Das alles ist mir bewusst, und doch – zornig bin ich irgendwie trotzdem.

Nachdem das Treffen beendet ist, wenden sich zwei Beamte des kongolesischen Staatssicherheitsdienstes[1] an Lucien. Sie wollen seine Telefonnummer, seine Adresse – und ein bisschen Geld. La motivation.

 


[1] Die kongolesische Regierung hat keineswegs etwas gegen das Projekt, allerdings wollen sie über alle Aktivitäten informiert sein und schicken ihre Beamten deswegen zu sämtlichen größeren Zusammenkünften. Deswegen musste das Treffen auch (gegen eine Bearbeitungsgebühr von 20 Dollar, selbstverständlich) an offizieller Stelle angemeldet werden.

Tag 28: Hejo, spann den Wagen an

kinshasaGestern besuchten wir einen Fischermarkt am Hafen. Auf alten Kartons und Kisten drapiert, lagen die Fischstücke in der Sonne. Es stank bestialisch. Um die Fliegen zu vertreiben, hauten die Händlerinnen von Zeit zu Zeit mit einem kleinen Stöcklein auf ihre Ware. An anderen Ständen wurde der Fisch noch lebend verkauft. Es handelte sich um armlange Tiere mit gedrungenem Körperbau, dunkel und schleimig, mit antennenartigen Fühlern und einem riesigen Schlund. Die Tiere wurden zu sechst oder siebt in runden Plastikschüsseln aufbewahrt, zappelten und zuckten dort ein wenig vor sich hin und warteten auf ihren bevorstehenden Tod. Lucien kaufte fünf von ihnen. Sie wurden uns lebend in einer Plastiktüte mitgegeben, mit der wir dann zu einem separaten Schlachterstand gingen.

Ein vielleicht zwölfjähriger Junge drosch mit einer Eisenstange so lang auf die Fische ein, bis sie sich nicht mehr rührten. Anschließend nahm er die Fische aus und zerteilte sie, wobei er das völlig stumpfe Messer mit einem Hammer durch das Fleisch des Tieres trieb. Mit einer Zehn-Kilo-Tüte Fisch schleppten wir uns nach Hause.

Meine Hautfarbe sorgte mal wieder für Verwirrung. Auf dem Markt riefen mir die Kinder „chinois, chinois!“ hinterher. Wenn sie hier helle Haut zu sehen bekommen, dann zumeist von Chinesen, die hier viel im Straßenbau beschäftigt sind[1]. Sie bestehen darauf, von den Kongolesen als „mondele“ betitelt zu werden, weil diese Bezeichnung hier als besonders prestigeträchtig gilt. Auch viele junge Kongolesinnen bemühen sich verzweifelt um einen „europäischen“ Look. Das Resultat sieht gruselig aus: Fleckige, latte-macchiato-farbene Haut[2], dazu halbherzig blondiertes krauses Haar und quietschend pinke, viel zu enge Kleidung.

Benedicte, Vanessa, Olivier und Sarah können wunderschön singen. Vor ein paar Tagen veranstalteten wir einen kleinen Gesangswettbewerb. Drei Sängerduos traten gegeneinander an. Die Kinder sangen französische Kirchenlieder in mehrstimmigen Sätzen, mussten dabei aber so stark lachen, dass sie ständig wieder von vorn anfingen. Lucien und ich versuchten uns derweil an dem Kanon „Hejo, spann den Wagen an“. Der erste und zweite Platz ging an die Kinder (es gab Hefter und Buntstifte), Lucien und ich mussten uns mit dem dritten Platz begnügen.

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—   Das Gewinnerteam

 

 


[1] Ein Deal mit der kongolesischen Regierung: Sie bessern die Straßen aus und dürfen dafür kostenlos Kupfer abbauen – in unverhältnismäßig großen Mengen.

[2] Als afrikanisches Pendant zu den in Europa erhältlichen Bräunungscremes gibt es hier Salben, mit deren Hilfe sich die Kongolesen ihre dunkle Haut aufhellen können. Wer einmal damit angefangen hat, darf aber nicht mehr aufhören, sich damit einzuschmieren, sonst wird er noch schwärzer, als er am Anfang war.

Tag 29: Küchendienst

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kinshasaKochen mit Blandine und den Zwillingen: Es soll Geflügel geben. Blandine bringt Hühnchen vom Markt mit. Und zwar am Stück und lebend. Ich habe ein Drittel meines Lebens auf dem Dorf verbracht, und dennoch: Noch nie in meinem Leben habe ich ein Tier geschlachtet und ausgenommen. Geflügel gab es bei mir meistens als Filet aus dem Supermarkt. Benedicte und Vanessa halten mir die Barack-Obama-Plastiktüte mit dem (inzwischen toten) Huhn unter die Nase. „Hast du wirklich noch nie in deinem Leben ein Huhn gerupft?“, fragen sie mich und grinsen. Ich schüttle den Kopf und sie zeigen mir, wie es geht. Mit ihren abwechselnd rot und blau lackierten Fingernägeln rupfen sie vergnügt die Federn aus dem toten Tier, mit einer Selbstverständlichkeit, als würden sie gerade den Abwasch machen. Danach wird das Hühnchen zerteilt, mit einer Marinade aus Tomate und Ingwer eingerieben und über dem Feuer erhitzt. Auch die Eier, die Blandine aus dem Inneren des Tiers geholt hat, kommen mit in den Topf. Blandine besteht darauf, dass ich sie alle esse, sowohl das Fertige als auch die noch unfertigen Eier. Es gruselt mich ein wenig vor den kleinen, gelben Blasen. Sie schmecken einwandfrei. Und dennoch – wenn man mit den körperlichen Prozessen des Tiers, das man gerade verspeist, nicht so direkt konfrontiert wird, isst es sich unbekümmerter. Die Eierschalen, die ich beiseite gelegt habe, steckt sich Blandine in den Mund, zutscht die Marinade ab, spuckt die Schale wieder aus und lacht vergnügt.

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Tag 30: Ein kongolesisches Familiendrama

kinshasaFisch aus dem Mai-Ndombe-See ist im Kongo heißbegehrt. Er gilt als grätenarm und äußerst köstlich. Allerdings gibt es kaum Möglichkeiten, den Fisch zu kühlen oder zu transportieren. Deswegen rief Cyprien, ein Schwager von Lucien, vor einigen Jahren das Fischereiprojekt ins Leben. Sein Plan sah es vor, die Fischer aus Inongo und Kutu mit moderner Ausrüstung (Boote, Netze, Kühltruhen, Transportkisten) zu versorgen, sodass sie ihren Fang nach Kinshasa verschiffen und verkaufen können. Ein Teil des erwirtschafteten Gelds sollte dabei als festes Gehalt an die Fischer selbst gehen, der Rest sollte zur Finanzierung eines Krankenversicherungssystems für die Fischer und ihre Familien verwendeten werden. Allerdings konnte Cyprien seinen Plan nie in die Tat umsetzen: Er starb bei einem Flugzeugabsturz auf einem Flug zwischen Inongo und Kinshasa. Lucien nahm sich daraufhin vor, Cypriens Erbe anzutreten und das Projekt an seiner Statt zu verwirklichen.

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—   Olivier

Lucien und ich besuchen Cypriens Witwe Marcelline. Ihre Kinder, Benedicte, Vanessa, Olivier und Sarah, wohnen allerdings nicht bei ihr, sondern bei Blandine. Der Grund dafür ist ein bizarren Nachbarschaftstreit – eine merkwürdigen Geschichte, aus der ich nicht so recht schlau werde: Nach dem Tod Cypriens wurde ein Teil des Grundstücks verkauft, an einen reichen Kongolesen, der dort mit seiner fünften Frau eine Familie gründete[1]. Anfangs verstanden sich die Nachbarn ausgezeichnet, doch irgendwann kam es zu Reibereien, woraufhin der Mann eine Mauer zwischen den beiden Teilgrundstücken errichten ließ. Allerdings führte der Weg zu Marcellines Haus durch den Garten des Nachbarn. Um überhaupt noch ins Freie zu kommen, musste die Familie über eine hohe Mauer auf der anderen Seite des Grundstücks klettern. Marcelline reichte Klage gegen ihren Nachbarn ein und gewann. Der Staat schickte Soldaten, die die Mauer einrissen. Daraufhin bestach der reiche Nachbar jedoch den Richter und errichtete an der gleichen Stelle erneut eine Mauer.

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—   Vanessa und Olivier mit ihrer “Leihmutter” Blandine

Die umliegenden Anwohner waren empört über das Vorgehen des Nachbarn, es kam sogar zu einem kleinen Aufstand, doch vergebens – die Mauer blieb. Für Benedicte, Vanessa, Sarah und Olivier war es fast unmöglich, in die Schule zu kommen. Deswegen klärte sich Blandine bereit, die Kinder so lang bei sich wohnen zu lassen, bis sich das Problem klärt. Inzwischen leben die Kinder seit einem halben Jahr nicht mehr bei ihrer Mutter, ohne dass eine Lösung in Aussicht wäre. Warum setzt man nicht an einer anderen Stelle des Grundstücks eine Tür ein? Das müsste der Besitzer des entsprechenden Nachbargrundstücks genehmigen. Und die Anwohner wollen partout nicht, dass Marcelline in dem Streit klein beigibt – einen anderen Zugang zu schaffen, würde einer Niederlage gleichkommen, finden sie. Warum verkauft Marcelline das Haus nicht und zieht in ein anderes? Das will sie wiederum nicht, weil das Grundstück für sie mit der Erinnerung an ihren verstorbenen Ehemann verbunden ist. Also bleibt vorerst alles so, wie es ist.

 

 


[1] Polygamie ist im Kongo offiziell verboten, ist in bessergestellten Familien aber immer noch weit verbreitet. Üblicherweise gründet der Mann mit jeder seiner Frauen eine eigene Familie, die dann in separaten Häusern untergebracht sind. Die werden dann als „bureau“ bezeichnet und durchnummeriert: premier bureau, deuxième bureau, troisième bureau, quatrième bureau – und, in diesem Falle: cinquième bureau.

Tag 31: Aufbruch!

0307IMG_8675webbandunduEs wird Zeit, Kinshasa zu verlassen. Endlich geht es nach Inongo! Das erste Wegstück legen wir in einem abgetakelten alten Reisebus zurück, der uns nach Bandundu, einer größeren Stadt nordöstlich von Kinshasa, bringen soll. Unser Gepäck: Zwei Koffer, zwei Rucksäcke, ein Plastikeimer voller Proviant (von Blandine zusammengestellt. Ausschließlich Frittiertes: Krapfen, Fisch, Kochbananen, Hähnchen) und mehrere Kanister Öl für das Motorboot. Die anderen Passagiere haben ähnlich viel Gepäck mit, sodass der ganze Bus mit Taschen, Kartons, Plastikschüsseln und Töpfen zugestellt ist. Wir fahren nachts. Viele der Reisenden haben sich auf ihre Gepäckstücke gelegt und schlafen. Ich komme jedoch nicht so recht zur Ruhe – ich habe Angst, mein Rucksack (oder gar ich selbst?) könnte aus der Bustür fallen. Die steht nämlich die ganze Fahrt über offen – warum auch immer.

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—   Lucien mit Provianteimer und staubiger Brille

Am Anfang Asphalt. Die erste Hälfte des Wegs vergeht schnell und ruckelfrei. Irgendwann hört der Straßenbelag jedoch abrupt auf – nur noch Sand und Steine. Von nun an geht es äußerst holprig voran, wir wackeln und holpern, fliegen zuweilen gegen die Scheiben und atmen jede Menge Staub ein. Um fünf kommen wir in Bandundu an. Es wird hell, und wir erkennen, wie schmutzig wir sind: Mein ursprünglich weißes T-Shirt hat nun einen blassen Rotton angenommen. Aus meinen Haaren wirbelt der Staub, sobald ich mit dem Kopf schüttle. Und meine schon sonnenbedingt gebräunte Haut ist noch dunkler geworden (keine Veränderung bei Lucien).

Die nächste Teilstrecke legen wir in einem ausrangierten Kleintransporter zurück. Nach drei Fahrtstunden kommen wir an ein Flussufer. Die Straße geht auf der anderen Seite weiter, doch es gibt keine Brücke, nur eine Fähre. Ohne Fährmann, allerdings. Der ist noch in Bandundu, bei irgendeinem Fährmanns-Treffen. Also warten wir. Irgendwann abends kommt er dann doch noch und setzt uns auf die andere Seite. Im Dunkeln setzen wir unsere Fahrt fort. Der Receveur[1] muss alle drei Minuten aussteigen, um den Fahrer über einen Hügel oder ein Schlagloch zu lotsen. Irgendwann spätnachts endet unsere aufhaltsame Odyssee durch das kongolesische Hinterland: wir erreichen Isaka.

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—   Fähre ohne Fährmann


 

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—   Unser Nachtlager

 


[1] So wird derjenige genannt, der bei Busfahrten das Geld von den Passagieren eintreibt. Üblicherweise wird dieser Job von Jugendlichen um die fünfzehn erledigt. Um den Fahrgästen keinen Sitzplatz wegzunehmen, hält sich der Receveur während der Fahrt außen am Wagen fest.

Tag 32: Warten.

0307IMG_8625webisakaWenn ich hier eines lernen kann, dann ist es Gemütsruhe. Da ich schon in Deutschland als grässlich ungeduldiger Mensch gelte, ist der Kongo für mich das ideale Trainingslager. Täglich bieten sich unzählige Gelegenheiten, die Beine auszustrecken und mich im unbekümmerten Nichtstun zu üben: Ein Polizist verschwindet für eine halbe Stunde mit meinem Personalausweis, um mich irgendwo zu registrieren. Wir müssen noch jemanden mitnehmen, der aber im Stau steckt, weil er noch etwas aus der Stadt besorgen musste. Der Busfahrer hält plötzlich an, steigt aus und hält einen kleinen Plausch mit einer Marktfrau am Wegesrand. Ein großer Teil meines Tagewerks besteht hier darin, auf das Eintreffen irgendwelcher fremdbestimmter Ereignisse zu warten. Heute ist es zum Beispiel das Motorboot, das aus Inongo kommen und uns abholen soll: Irgendwie stimmt die Wetterlage nicht, die Wellen sind zu hoch, also verbringen wir den Tag in Isaka und warten auf morgen.

0307IMG_8688webIsaka ist ruhig und idyllisch, ganz anders als Kinshasa: Kein Lärm, kein Staub, keine zugemüllten Straßen. Nur ein paar kleine Lehmhütten mit Blätterdach und Palmen am Wegesrand. Isaka entspricht der ungetrübten Bilderbuchvorstellung von Afrika. Die Dorfkinder sind ganz aus dem Häuschen über meinen Besuch: Alle wollen mir die Hand schütteln, meine weiße Haut berühren oder durch meine lustigen Haare streichen. Wo Lucien und ich auch hingehen, stets folgt uns unzählige Kinder auf Schritt und Tritt. Und alle wollen fotografiert werden: Sobald ich meine Kamera aus der Tasche hole, jubeln sie und wuseln wild durcheinander, jeder will unbedingt einen Platz auf dem Bild haben[1]. Wenn es blitzt, kreischen sie vor Begeisterung (einige jüngere Kinder kriegen es allerdings mit der Angst zu tun und rennen davon).

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—   Eine dreifache Mutter wollte ihr nächstes Kind nach mir benennen und bat mich, meinen Namen an die Wand ihrer Hütte zu schreiben. Inklusive der weiblichen Form. Falls es ein Mädchen wird.

 

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—   So sahen übrigens die Klos aus

 


[1] Ganz anders in Kinshasa: Dort ist es auf offener Straße fast unmöglich, ein Foto zu schießen. Für Polizisten und Soldaten ist das der ideale Vorwand, um jemandem Geld abzuknöpfen. Doch auch unter den Zivilisten ist Fotografieren verpönt. Meine Vorgängerin Juliane wurde einmal bei dem Versuch, ein Foto zu machen, von wütenden Passanten festgehalten. Sie musste hundert Dollar zahlen, sonst hätte man ihre Kamera zerstört.

Tag 33: Auf zu neuen Ufern

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—   Unser Motorboot ist da!

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Eine weitere Nacht in Isaka. Wir stehen zeitig auf und machen uns auf den Weg zum Hafen, wo bereits der Chauffeur auf uns wartet. Wir steigen in ein hübsches, hellblaues Motorboot mit abblätterndem Lack, legen unsere Schwimmwesten an und fahren los. Bisher war ich ausschließlich in hand- oder fußbetriebenen Booten unterwegs, in einem Motorboot sitze ich heute zum ersten Mal. Mir gefällt es auf Anhieb. Die Landschaft rast nur so an uns vorbei, meine Haare flattern im Zugwind hin und her, und die Wasseroberfläche fühlt sich hart wie Asphalt an. Wir besuchen einige kleinere Dörfer in der Umgebung. Überall hat Lucien seine Finger im Spiel: Die einen brauchen ein paar Stecklinge, um Futter für ihre Kühe anzubauen, die anderen wollen einen kleinen Kanal graben oder eine Solaranlage installieren und brauchen seinen Rat.

0307IMG_8728webHeute probiere ich zum ersten Mal Zuckerrohr. Um die Pflanze zu schlachten, drischt man mit einer Machete so lang auf den Ast ein, bis man sich ein Stück abbrechen kann. Dann entfernt man die Rinde – mit den Zähnen . Anschließend beißt man sich ein Stück Holz ab und mampft kräftig. Beim Zerkauen sondert die Pflanze ihren zuckrigen Saft ab. Es schmeckt köstlich, beinahe ein wenig zu süß, um pur gegessen zu werden. Der holzige Rest ist zu zäh, um so gegessen zu werden. Man spuckt ihn aus und beißt sich ein neues Stück ab. Ich kann nicht genug davon bekommen. Nachts träume ich davon, eine Rohrzuckermanufaktur im Kongo aufzubauen.

 

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Tag 34: Wir fackeln die Savanne ab

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—   Brandrodung im Kongo

kutuZusammen mit einem Bauer machen einen kleinen Spaziergang durch die Savanne. Das örtliche Kloster unterhält hier eine kleine Rinderzucht. Wir haben ein wenig Salz mit und lassen es uns von den Tieren aus der Hand schlecken. Dann machen sich die Bauern daran, die Weide anzuzünden – Ihre Methode, um den Boden fruchtbar zu halten. Hier und da werfen sie ein Streichholz in das trockene Gras. Das Feuer breitet sich schnell aus, bald stehen große Teile der Kuhweide in Flammen. Wir machen, dass wir fortkommen.

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Mit dem Motorboot geht es weiter nach Kutu, wo sich fast zweihundert Fischer haben zusammengefunden haben. Die Saison steht unmittelbar bevor, sie hoffen auf neue Materialien. Mit ihrer jetzigen Ausrüstung können sie zwar genügend Fisch für sich und ihre Familien fangen, zum Verkauf reicht die Menge aber nicht. Lucien überbringt die schlechte Neuigkeit: Das Ministerium hat den Antrag abgelehnt, fürs Erste gibt es also keine neuen Netze, Kühltruhen und Boote. Die Fischer sind enttäuscht, sie fühlen sich von ihrer Regierung im Stich gelassen. Die für sie drängendste Frage: Wo sollen sie den Schulbesuch ihrer Kinder finanzieren? Hier in der Provinz ist der Schulbesuch nicht teuer, pro Kind und Trimester müssen etwa 2 US-Dollar entrichtet werden. Bei fünf, sechs Kindern ist das ein Betrag, den sie nur mit Ach und Krach auftreiben können. Sie diskutieren bis in die Nacht hinein und finden zusammen Lucien eine Lösung, um wenigstens fürs Erste ein wenig Geld für den Schulbesuch ihrer Kinder zu bekommen. Dennoch – sie brauchen ihre Materialien.

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—   Geräucherter Fisch, Marktstand in Isaka

Tag 35: Überfahrt ins Totenreich

0307IMG_8885webinongoWir überqueren den Lac Mai-Ndombe, das Schwarze Wasser. Keiner weiß so recht, wie der See zu seiner einer eigentümlichen Färbung kommt. Bodenschätze, vermuten viele. In Inongo gibt es deswegen mehrere ausländische Forschungsstationen, die am Grund des Gewässers nach Erdöl und Kohle suchen.[1]

Mein wichtigstes Gepäckstück: Die Schwimmweste. Vor einigen Jahren hatte Lucien auf ebenjenem See Schiffbruch erlitten. Er war gerade zusammen mit seinem Chauffeur und einen Krankenpfleger unterwegs, um einige Medikamente nach Inongo zu transportieren, als plötzlich der Motor ausging, mitten auf dem See. Motorboote sind am Heck üblicherweise mit einem Loch versehen, damit das während der Fahrt eintretende Wasser wieder abfließen kann. Bei Stillstand muss das Loch jedoch schnell verschlossen werden. Der Fahrer geriet in Panik, weil er den abgeknabberten Maiskolben nicht mehr finden konnte, mit dem er das Loch am Heck des Boots normalerweise zustopfte. Zu allem Übel war auch noch heftiger Wellengang, sodass das Wasser über die Seitenränder schwappte. Lucien konnte gerade noch rechtzeitig einen Hilferuf per Handy durchgeben, dann soff das Boot ab. Eine Schwimmweste hatte keiner mit, also hielten sich die drei an der Styroporbox fest, die sie zur Kühlung der Medikamente mitgenommen hatten. Sie warteten zweieinhalb Stunden, bis sie von einer der Nonnen aus dem Wasser gezogen wurden.

Dieses Mal haben wir jedoch vorgesorgt – wir sind alle drei mit Rettungswesten ausgestattet. Zudem ist das Wasser spiegelglatt, von Wellen keine Spur. Der See ist zu weiten Teilen mit Nebelschwaden bedeckt. Schon bald lässt sich nicht mehr erkennen, wo das Wasser aufhört und der Himmel beginnt. Über Stunden hinweg ist nichts zu sehen, nur dann und wann ein dürres Holzboot, in dem ein Fischer steht und paddelt. Alles ist in ein diffuses, blassviolettes Licht getaucht.

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Irgendwann dann: Inongo. Die Stadt, in der Lucien geboren und aufgewachsen ist. Straßenlaternen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb sind. Ruinen riesiger Hotelanlagen, die niemals zu Ende gebaut wurden. Relikte aus der Zeit, in der Mobutu das Land regierte. Mit dem Motorrad fahren wir zur Pfarrei, wo ein fantastisches Abendessen und ein Gästezimmer für uns bereitstehen. Wir bedanken uns artig, fallen ins Bett und schlafen augenblicklich ein.



[1] Vorteil für mich: Kostenloser WLAN-Zugang im Stadtgebiet. Nach einer Woche kann ich endlich wieder ein paar Emails nach Deutschland schreiben.

Tag 36: Männertag

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—   Unterwegs mit Hiob

inongoLucien-freier Tag: Mit unserem Chauffeur, der den wenig vertrauenserweckenden Namen Hiob trägt[1], erkunde ich ein wenig die Gegend. Mit seinem geländefähigen Motorrad brausen wir durch Inongo. Schattige Strandpromenaden, palmblattbedeckte Hütten und weißer Sand, der unter den Füßen quietscht – die Stadt wäre das perfekte Ziel für Pauschalurlauber, würde sie nicht gerade mitten im Kongo liegen.

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—   Ich darf auch mal

Hiob erfüllt mir meinen derzeit sehnlichsten Wunsch: Er lässt mich an das Steuer seines Motorboots. Mitten auf dem See kann ich ungestört üben: Geradeaus fahren, lenken, schnittige Kurven einlegen, kräftig Gas geben. Ein Kleine-Jungs-Traum vom Feinsten. Überhaupt merke ich hier, wie viel Freude mir dieser ganze Machokram bereitet: Benzinkanister schleppen, Leitungen verlegen, mit dem Motorrad durch die Gegend heizen und sich den Weg freihupen (wenn auch nur als Mitfahrer) – all das löst heftige Glücksgefühle in mir aus.

Meine beschränkten Sprachkenntnisse scheren Hiob wenig, er plaudert munter auf Lingála vor sich hin – über russische Satelliten, Schnellboote und die deutsche Stahlindustrie. Um das Gespräch am Laufen zu halten, reicht es völlig aus, von Zeit zu Zeit einige Wortfetzen des Gegenübers zu wiederholen und dabei nachdenklich mit dem Kopf zu nicken – eine Taktik, mit der man in fremden Ländern erstaunlich weit kommt, auch gänzlich ohne Vokabelkenntnisse.

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 „O lingi ko mela verre ya miel?“, fragt mich Hiob. Ich nicke reflexartig und übersetze erst dann: „Möchtest du ein Glas Honig trinken?“. Prompt holt Hiob eine Zwei-Liter-Plastikflasche voller Honig aus dem Haus, hält sie mir unter die Nase und strahlt. Er schenkt mir ein Glas ein – und tatsächlich, es ist zuckersüßer, unverdünnter Honig, so, wie ich ihn als Brotaufstrich kenne. Mit dem Unterschied, dass in diesem hier hunderte tote Ameisen schwimmen. Hiob winkt ab: Das sei ganz normal, sagt er, die seien immer dabei. Könne man einfach mittrinken.

Am Abendbrottisch unterhalten wir uns mit einem Mönch über Cannabis. Kiffen sei zwar offiziell verboten, erzählt dieser, da sich aber niemand um die Durchsetzung dieses Verbots schere, wäre Kiffen weit verbreitet. Auch er habe es schon mal versucht. Angebaut werde meist heimlich – Häufig würde man den Hanf verstecken, indem man im Umkreis der Pflanze Maniok anbauen würde. Selbst Präsident Kabila, so erzählt man sich, würde eine private Hanfplantage unterhalten (völlig unklar, ob da was dran ist – obskure Geschichten über den Präsidenten hört man hier haufenweise).

Tabak wird derweil wesentlich seltener konsumiert als in Deutschland, und das, obwohl eine Schachtel hier umgerechnet vierzig Cent kostet – für deutsche Raucher vermutlich unvorstellbar. Die sprachliche Unterscheidung zwischen reinen Tabakzigaretten und Joints ist auf Lingála übrigens ähnlich geziert wie im Deutschen – ersteres wird mit ko mela makaya, also „Zigaretten rauchen“ bezeichnet, letzteres mit ko mela likaya„die Zigarette rauchen“.

 


[1] Aber hey, auch Lucien ist ein heikler Name – auf Deutsch bedeutet er schlichtweg Luzifer. Hier im Kongo begegnen mir allerdings skurrile Namen am laufenden Band. Elvis mag ja noch angehen, aber Bienvenue?

Tag 37: Stelldichein mit den Aspirantinnen

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inongoLetzter Tag vor unserer Rückreise nach Kinshasa. Wir sind zu Gast bei einer italienisch-kongolesischen Gruppe Aspirantinnen – Anwärterinnen für das Kloster. Über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren werden sie von ihrer Vorgesetzten beobachtet und dann je nach Betragen abgelehnt oder in den Orden aufgenommen. Wir sind bei ihnen zum Essen eingeladen, es gibt Fisch mit Reis und einem interessanten grünen Gemüsebrei namens Matembele. Während des Essens läuft der Fernseher, eine Comedyserie[1] mit einem schwarzen Liliputaner in der Hauptrolle. Die musikalische Untermalung besteht aus einer zehnsekündigen Keyboardmelodie, die den ganzen Film über in Endlosschleife wiederholt wird. Die Aspirantinnen kichern unentwegt, was aber auch an meinem Besuch liegen könnte, über den sie sich sichtlich freuen. Sobald die Oberin das Zimmer verlässt, fangen sie an, schamlos mit mir zu flirten. Immerhin – nach all den Wochen der Liebesentbehrung eine nette Abwechslung.

Der kongolesische Humor scheint irgendwie anders zu ticken. Als ich meiner Gastmutter beispielsweise erzählte, dass ich mir in Ermangelung sauberer T-Shirts gestern eines mit der Hand in der Badewanne gewaschen hätte, hielt sie sich den Bauch vor lachen. Lucien hatte mir erzählt, im Kongo würde man häufig auch als Reaktion auf die misslichen oder tragischen Umstände seiner Mitmenschen lachen. Ich konnte mir das nie so recht vorstellen – bis zu dem Tag, an dem wir den an Lungenkrebs erkrankten Ordensbruder im Krankenhaus besuchten. Angesichts der Ausweglosigkeit der Situation brach eine anwesende Nonne in schallendes Gelächter aus.

 


[1] Speziell auf das afrikanische Publikum zugeschnittene Filme und Serien werden hier in Anlehnung an Holly- oder Bollywood als Nollywood-Produktionen bezeichnet.

Tag 38: Zurück nach Kinshasa

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—   Gute Heimreise, Bleichgesicht!

bandunduViele Wege führen nach Rom, doch nur einer zurück nach Bandundu. Und der ist aufhaltsam und holprig. Fünfhundert Kilometer geht es quer durchs Land. Unterwegs gibt es viel zu tun: Ein Abstecher in die Pygmäensiedlung, ein kurzes Treffen mit den Fischern in Kutu und spätabends noch ein Termin mit dem Provinzminister in Bandundu. Zudem werden uns eine Menge Briefe nach Europa mitgegeben, die wir in Deutschland einstecken sollen[1].

Wir probieren alle Verkehrsmittel einmal durch. Das erste Wegstück legen wir mit Hiobs Motorboot zurück. Anschließend steigen wir auf das Motorrad um, müssen unterwegs allerdings eine hübsche Strecke zu Fuß zurücklegen, weil der Weg zu sandig zum Fahren ist. Gegen um elf eine Flussüberquerung. Da es keine Brücke gibt und die Fähre schon geschlossen hat, setzen wir via Einbaum zum anderen Ufer über – mitsamt Motorrad, versteht sich. Irgendwann spät in der Nacht kommen wir in Bandundu an. Der Minister schläft schon längst, also tun wir es ihm gleich. Reicht ja auch für einen Tag.

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—   Ein Motorrad passt da locker rein

 


[1] „Nein, Monsieur, der Brief wird nicht ankommen, wenn sie als Adresse lediglich An Frau Soundso in Italien drauf schreiben!“ – „Nicht? Warum denn nicht?“

Tag 39: Von Undercover-Rebellen und betrunkenen Polizisten

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Als ich gegen um acht aufwache, kehrt Lucien gerade gutgelaunt aus dem Ministerium zurück. Zwei Stunden lang hat er mit dem Provinzminister über das Fischereiprojekt geredet. Da dieser ebenfalls aus Inongo stammt, war er von dem Vorhaben gleich angetan und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit wir die Materialien doch noch bekommen.

0307IMG_8612webWir treten unseren Rückweg nach Kinshasa an, mit dem gleichen Bus, der uns vor einigen Tagen schon heil nach Bandundu gebracht hatte. Der Rückweg verläuft leider nicht so reibungslos: Schon kurz nach der Abfahrt haben wir eine Panne: Der Kühlwassertank läuft aus. Der Busfahrer repariert das Leck notdürftig, sammelt die Wasserflaschen der Fahrgäste ein und füllt den Tank wieder auf. Eine Stunde später kommt der Bus endgültig zum Erliegen. Alle aussteigen, bitte.

Wir sitzen fest in einer Kleinstadt irgendwo zwischen Bandundu und Kinshasa. Zwei Dynastien teilen sich die Verwaltung des Orts von Generation zu Generation. Der Name richtet sich dabei nach dem gegenwärtig regierenden Clan: Gerade heißt die Stadt Mbio, nach dem nächsten Machtwechsel wird sie Masia heißen.

Der Empfang ist wenig herzlich: Ein betrunkener Polizist hält uns an, zeigt auf meine Stiefel und fängt an, wild zu schimpfen. Sein Vorwurf: Meine Undercover-Boots sähen irgendwie militärisch aus, und in Zeiten wie diesen wisse man ja nie. Was, wenn ich ein bewaffneter Rebell bin? Er will hunderttausend Francs von uns, also etwa achtzig Euro. Unser Busfahrer verteidigt mich – das seien doch ganz normale Stiefel, wie man sie in jedem Laden kaufen könne, meint er. Der Polizist wird wütend, nimmt den Busfahrer mit aufs Revier und sperrt ihn dort in eine Zelle, um ihn später zu „verhören“.

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—   Rechts: normal. Links: verdächtig.

Lucien macht sich daran, die Sache zu klären. Er verfügt über ein erstaunliches diplomatisches Geschick im Umgang mit Autoritäten – meistens können wir gehen, ohne auch nur einen Franc zu bezahlen. Ich mache es mir derweil auf meinem Rucksack bequem und frühstücke erst einmal. Die Bewohner des Viertels werden auf mich aufmerksam. Schon bald bin ich von Kindern und ihren dazugehörigen Müttern  umzingelt und habe einen weiteren Interessenkonflikt zu klären: Eine Frau will mich um jeden Preis mit ihrer zwanzigjährigen Tochter vermählen. Ich sei schon in festen Händen, verteidige ich mich – doch dieses Argument will sie partout nicht gelten lassen: Seien die kongolesischen Mädchen denn nicht auch schön?

Nach einer Stunde kommt Lucien wieder. Er hat so lang mit dem Polizisten diskutiert, bis dieser aufgegeben und den Busfahrer wieder freigelassen hat. Jetzt rettet er auch mich aus meiner misslichen Lage. Gemeinsam suchen wir uns ein lauschiges Plätzchen und warten. Der kaputte Tank ist zwar nicht wieder ganz zu kriegen, dafür soll aber ein Ersatzbus aus Bandundu kommen. Und tatsächlich – nach sieben Stunden taucht tatsächlich eine, sammelt uns auf und bringt uns nach Kinshasa. Irgendwann gegen acht Uhr morgens kommen wir an – staubig, klebrig und hundemüde.

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—   Mein (ursprünglich weißes) T-Shirt nach der Busfahrt

Tag 40: Analogschokolade

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—   Strenge Bettruhe.

kinshasaVon Blandine verordneter Zwangsruhetag. Ich hätte durchaus Lust, etwas zu unternehmen, aber es ist mir nicht gestattet, das Haus zu verlassen. Also lese ich, döse ein wenig hin, stöbere ein wenig in meinem Gepäck – und mache eine verhängnisvolle Entdeckung: Schokolade. Tatsächlich, vor einigen Tagen habe ich ja eine Tafel gekauft, als Backzutat für einen Kuchen (dringender Wunsch der Zwillinge). Da es aber ohnehin keinen Strom gibt, kann ich sie auch gleich selbst essen, denke ich. Es ist ein Direktimport aus der Türkei. Schon der Verbraucherhinweis auf der Rückseite der Packung hätte mich stutzig machen müssen, „Milchhaltige Verbundschokolade“, stand da, „Enthält kein Schweinefett oder Zutaten“. Es schmeckt abscheulich. Eine ölig-pappige Masse, von Kakao oder Milch keine Spur. Es ist Analogschokolade. Von meinen Schoko-Entzugserscheinungen getrieben, stopfe ich dennoch die ganze Packung in mich rein. Mir ist den ganzen Tag noch übel davon.

Tag 41: Anwesenheit zählt

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kinkoleVorerst letzter Ausflug. Es geht nach Kinkole, wieder ein Termin mit den dortigen Fischern. Die dortigen Fischer wollten vor meiner Abreise unbedingt noch ein Treffen. Mich wundert das, schließlich habe ich bei den bisherigen Fischertreffen habe ich außer ein bisschen Winken nicht viel geleistet. Lucien meint, sie würden sich über meine bloße Anwesenheit freuen. Der Umstand, dass sich jemand aus Europa bis hierher bemüht hat, würde ihnen viel bedeuten. Am Ende des Treffens bitten mich die Fischer jedoch, auch mal was zu sagen. Ich stehe auf und stammle ein paar Dankesworte, das Beste was ich mit meinen wackeligen Lingála-Kenntnissen eben hinbekomme. Die Fischer sind begeistert, sie lachen und applaudieren wild. Es ist tatsächlich ziemlich egal, was ich sage. Sie freuen sich schlichtweg, dass ich mich überhaupt bemühe, ihre Sprache zu sprechen.

Auf dem Rückweg kommen wir an einer Begräbnisfeier vorbei. Von Schwarz keine Spur: die Trauergäste sind in schrillen Farben gekleidet, der Sarg mit violetten Stoffen verhängt. Lucien erzählt mir, dass von einem grausamen Ritual, das früher gerade auf den Dörfern weit verbreitet war und auch heute noch ab und an durchgeführt wird: Wenn ein junger Mensch unerwartet stirbt, wird angenommen, dass Hexerei im Spiel gewesen sei. Um herauszufinden, wer den Toten verhext hat, achten die Trauergäste auf den Pfad der Sargträger: Driften sie beim Transport der Leiche zur einen Seite hin ab, stammt der Hexer aus der Familie der Mutter, driften sie zur anderen Seite hin ab, wird die Familie des Vaters für den Tod verantwortlich gemacht.

Tag 42: Güteraustausch

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—   Zuckerrohr und Machete

kinshasaIch packe meinen Koffer und nehme mit: Unmengen Kochbananen und Zuckerrohr. Fünf Obama-Tüten und ein paar kongolesische Francs (mir würde sonst niemand glauben, das Geld tatsächlich so aussehen kann[1]). Für meine Freundin: Ein handgenähtes Kleid von Magie, einer Ex-Nonne, die nach einem Streit mit ihrer Oberin aus dem Kloster geflogen ist und sich seither als Schneiderin verdingt. Magies sehnlichster Wunsch ist eine elektrische Nähmaschine. Bei meinem nächsten Besuch werde ich ihr eine mitbringen. Und dann noch: eine wuchtige Machete, die nur mit Ach und Krach in meinen Rucksack passt. „Nur Bücher!“, antwortet Lucien dem Sicherheitsbeamten am Check-In, der sich nach dem Inhalt meines Gepäcks erkundigt. Der nickt und lässt mich passieren.

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—   50 kongolesische Francs, etwa vier Cent. Unbeschreiblich, dieser intensive Geruch nach Irrsal und Wirrsal. Ich muss an dem Schein nur kurz riechen, schon wähne ich mich wieder in den Straßen Kinshasas

Ich frage die Kinder, was ich ihnen bei meinem nächsten Besuch mitbringen soll. Die kleine Sarah möchte eine Halskette, die große Sarah eine Deutschlandkarte. Olivier will ein Handy. Vanessa fragt mich, ob ich ihr einen Fotoapparat mitbringen kann. Oder vielleicht einen Computer? Kann ich mir nicht leisten, sage ich. Dann eben auch so eine Kette. Ihre Zwillingsschwester Benedicte gibt sich bescheiden: Ein Foto von meiner Verlobten, sagt sie, würde ihr völlig reichen.

 


[1] Das kongolesische Münzgeld ist schon seit Jahren nichts mehr wert, es gibt ausschließlich Scheine. Die sind so schmutzig und zerfleddert, dass sie mitunter kaum noch als solches zu erkennen sind. Wenn es um europäisches Geld geht, ist man im Kongo hingegen äußerst pingelig: Euro-Scheine werden nur in tadellosem Zustand akzeptiert, schon beim kleinsten Riss wird die Annahme verweigert.

Tag 43: Der Ingwersaft des Grauens

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—   Abschied nehmen von Lucien und seiner Familie.


kinshasaAbreisetag. Noch ein letztes Mal esse ich mit Lucien und seiner Familie. Wir bekochen uns gegenseitig: Blandine serviert Hähnchen mit Reis, pürierten Kochbananen, pondu und fufu, ich Eierkuchen mit Nutella und Bananenwürfeln (diesmal gelingt mein Kochvorhaben wesentlich besser als vor einigen Tagen, als ich mich an thüringischen Knödeln versuchte). Dazu gibt es frisch gepressten Ingwersaft, so scharf, das mir von einem kleinen Schluck die Tränen in die Augen schießen. Lucien drängt: Der Flug geht bald, du musst dich beeilen! Also stürze ich unbekümmert das ganze Glas auf einmal in mich hinein, schultere meinen Rucksack, verabschiede mich und mache mich zusammen mit Lucien auf den Weg.

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—   Nicht im Bild: das folgenschwere Glas Ingwersaft

Eine halbe Stunde später macht sich der Ingwersaft bemerkbar. Die ganze Reise über war ich bester Gesundheit – doch gerade jetzt, wo ich es am wenigsten gebrauchen kann, überkommen mich heftige Bauchschmerzen. Es rumort, es rumpelt und zuckt in meinen Eingeweiden. Wir stecken mitten im Stau, kein Klo weit und breit. Zudem haben wir kaum noch Zeit bis zum Abflug, also setzen wir unseren Weg zum Flughafen notgedrungen zu Fuß fort, mitten durch das Tohuwabohu auf den Straßen Kinshasas. Ich bin kaum noch zugegen, halte mich an Luciens Schultern fest und lasse mich so durch die Stadt schleifen.

Zwei Stunden später haben wir es geschafft. Wir zahlen zweitausend Francs Soldatentrinkgeld und  fünfzig Dollar Flughafen-Nutzungsgebühr, dann lässt man mich zu meinem Flieger. Vor dem Abflug wird das Innere der Maschine mit Insektenvernichtungsmitteln vollgesprüht, um keine Krankheitserreger nach Deutschland zu schleppen. Tatsächlich gab es in Frankfurt und Berlin bereits die ersten Fälle von Malaria – bei Menschen, die noch nie in ihrem Leben in den Tropen waren.

Auf dem Rückflug obligatorisches „Wie klein doch die Welt ist“-Erlebnis: Neben mir sitzt ein Missionars-Ehepaar, zwei Zeugen Jehovas, die in Kinshasa in einem der Königreichssäle arbeiten. Sie kommen aus Oberfranken, nur unweit von meinem Geburtsort entfernt. Auch mein Heimatdorf kennen sie. Da wären sie früher jedes Wochenende gewesen, erzählen sie. Um im Globus-Markt einzukaufen. Den Rest des Flugs unterhalten wir uns über Seuchen, Kriege, Dämonen und das Ende der Welt.

Tag 44: Heimwärts

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—   Keine Palmen mehr, fürs Erste

greifswaldLange Afrika-Aufenthalte sind gefährlich, meint Lucien. Nicht des Risikos wegen, von Krokodilen oder wütenden Flusspferden verspeist zu werden – sondern weil man all zu schnell an den dortigen Lebensstil adaptiere und dann Probleme hätte, sich wieder in den europäischen Alltag zu gewöhnen. Ob das stimmt, wird sich noch herausstellen. Freue ich mich auf Daheim? Werde ich den Kongo vermissen? Schwer zu sagen. Die beiden Orte sind schlichtweg zu unterschiedlich. Die vergangenen zwei Monate waren wunderbar, als dauerhafter Zustand wäre ein Leben im Kongo aber schlichtweg nicht auszuhalten.

Was mir fehlen wird: Lucien und seine Familie. Das Chaos in der Innenstadt Kinshasas. Die brennenden Müllberge überall. Dauerhupen, Gebrüll, prügelnde Kongolesen am Wegrand. Die Wasserverkäufer, die auf ihren Köpfen unzählige tropfende Beutelchen balancieren, um die wartenden Autos schleichen und mit einem Zutschgeräusch auf ihre Ware aufmerksam machen. Die wilden Fahrten durch das kongolesische Hinterland. Der Schmutz in Haaren und Lungen.

Ich bin wieder in Deutschland. Alles ein wenig vertrauter, zugegeben – allerdings sieht es nicht so aus, als würde die Erlebnisdichte in nächster Zukunft abnehmen: Ein Diplom in Psychologie (hat man mir während meiner Abwesenheit zuerkannt), dafür aber keine Idee, was ich damit anstellen soll. Ein Rucksack voller schmutziger Wäsche und Gefahrengüter, dafür aber keine Wohnung.

Wohlauf, altes Salzfass, einem unbekannten Schicksal entgegen!